Weltreise 1996-97
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Singapur. Da bin ich wieder! Und ich brauche es. Brauche die Pause - eine Pause vom Reisen, denn die vergangenen Wochen waren so richtiges Hardcore-Travelling. Jeden Tag in Bussen, mehrtägigie Bootstripps, üble Absteigen und jeden Tag weiter und weiter und weiter. Das ist gut so und ich liebe es. Aber jetzt ist vorerst genug davon und ich kann endlich mal den ganzen Schmutz ablegen, meine Kleider waschen - oder besser gleich wegschmeissen - und mir alles nötige kaufen, was ich brauche und was man sonst nirgends in Asien findet. In Singapur ist jedenfalls alles zu haben. Natürlich stürze ich mich auch aufs Essen. Sushi, indisch, amerikanischer Junk-Food... auch in diesem Bereich: alles ist zu haben! Und natürlich mein Lieblingsessen: chinesisch! Wochenlang könnte ich mich durchfressen.

Der Kulturschock erschlägt mich jedes Mal von Neuem. Nach ein paar Monaten in Indonesien und auf den Philippinen stehe ich nun wieder staunend unter den protzigen Wolkenkratzern, sehe nur Luxuslimousinen in den Strassen, bin umgeben von sauber rausgeputzten und gestylten Geschäftsleuten und sogar die Schulkinder sind mit den neuesten High-Tech-Spielzeugen, wie einem Pager oder Handys bewaffnet. Ein anderer Lebensrhythmus...

Ein Gewitter entlädt sich in aller Gewalt über den Dächern der Sadt. Ich sitze unten am Fluss in einem Café und schnüffle in der "The Straits Times". Im hinteren Teil der Zeitung stosse ich auf Stelleninserate und eine Minute später hange ich am Telefon und habe eine nette Stimme am andern Ende des Drahtes. Ich soll doch am nächsten Morgen mal vorbeikommen und mich vorstellen! Cool - die Chancen, in Singapur einen Job zu kriegen stehen 99 zu 1, aber ich kann ja mal bei „Integral Communications“ vorbeigehen. Zu verlieren hab ich nichts.

Die Hotels in Singapur sind echt gewaltig. Von fetten Weltklassebunkern bis zur Jugendherberge gibts alles. Und dann wären da noch die billigsten Löcher und Absteigen für all diejenigen, die sich nicht einmal eine Jugi leisten können. Viele dieser Hostels sind illegal, dürften eigentlich gar keine Touristen aufnehmen und müssen dadurch öfters ihren Standort wechseln. Diese Infos kriegst du nur von anderen Reisenden über Mund-zu-Mund-Werbung. So weiss ich zum Beispiel, dass ich einfach in eine bestimmte Strasse gehen und bei irgend einer Adresse klingeln muss. Da sind keine Tafeln oder Schilder. Man trifft sich dann sozusagen in einer Privatwohnung, die zu einer Lodge umgebaut wurde. Dieses Angebot ändert sich so rasant, dass es in keinem Reisebuch aufgeführt ist.

Da sind wir also in meinem Segment! Zum Beispiel „Lee's Travellers Club“: Wir schlafen zu acht in einem Raum, der genauso gross ist, dass vier Kajütenbetten Platz finden und jeder schleppt natürlich auch noch einen Rucksack, Wäsche und jede Menge sonstigen Gerümpel mit sich, wodurch es nicht lange dauert, bis es in unserm Schlag aussieht wie auf einem Schlachtfeld. Tagsüber stapelt sich alles auf dem Bett und nachts musst du zusehen, wo du deinen Kram verstauen kannst. Aber das ist gut so und ich brauch nicht mehr. Fühle mich wohl und mag die familiäre Atmosphäre - das zählt! Zudem ist das die einfachste Möglichkeit in Kontakt mit anderen Reisenden zu kommen. Also ist dieser Club an und für sich eine ganz tolle Sache.

Nach ein paar Tagen westlichem Lebensstil und meinem Job-Interview fahre ich mit einem "Erkon (Aircondition) Super-VIP-Bus" nach Kuala Lumpur, der malaysischen Hauptstadt. Was für eine Reise! In dicken Ledersesseln, mit Video und endlich mal einem seriösen Fahrer, der sich an die Geschwindigkeitsrichtlinien hält. Schon von weitem zeichnen sich die Petronas-Towers, die welthöchsten Zwillingstürme, am Horizont ab und kurz vor Sonnenuntergang rollen wir langsam in die Stadt ein. Doch ich bleibe nicht lange und fahre am nächsten Morgen gleich weiter, um Pascal im ABB-Camp zu treffen.

Im ABB-Hotel werde ich an der Reception etwas komisch angeguckt, da ich mit meinem verdreckten Rucksack, den Shorts und den zerschlissenen Latschen so gar nicht ins Bild dieses Luxushotels mit eigenem Golfcourse und Pool passe. Trotzdem werde ich reingelassen und verbringe ein paar verwöhnende Tage hier. Wir fahren nochmals für zwei Tage runter nach Singapur, weil Pasci beruflich da hin muss und am Wochenende gehen wir in Kuala Lumpur aus. Und schon bin ich wieder weg. Auf dem Weg nach Thailand.

Am 23. April 2540 (nach buddhistischer Rechnung) komme ich in Phuket an. Die Fahrt war langwierig und ziemlich ermüdend. Erst per Schnellbus an die Grenze zwischen Malaysia und Thailand; weiter mit dem Zug nach Hat Yai und weitere sieben Stunden im Bus. In Hat Yai hatte ich so meine Probleme, das Busterminal zu finden, da niemand Englisch sprach und keiner verstand, was ich wollte. Schliesslich endete ich hinten auf einem Motorrad eines völlig verrückten Thais (mit meinem ganzen Gepäck und ohne Helm), der mit mir quer durch die ganze Stadt raste - mit Vollgas zwischen stehenden und fahrenden Autokolonnen hindurch. Wenige Millimeter links und rechts des Lenkers!

Müde Knochen und bis auf die Haut durchnässt (vom Schweiss und dem tropischen Klima), checke ich in eine Billigabsteige gleich in der Nähe des Busbahnhofs ein. Wieder mal ein richtiges Loch, wo dicke, fette Ratten durch die Räume flitzen. Das ganze obere Stockwerk wurde in einzelne Zellen aufgeteilt, die mit dünnen Trennwänden abgegrenzt und gegen oben offen sind, so dass die ganze Nacht lang Licht und Lärm ist. Horden von Moskitos bringen mich um meinen verdienten Schlaf und unten im Parterre ist eine total abgefahrene Kneipe, wo die ganze Nacht hindurch was los ist. Dunkle Gestalten sitzen vor halbleeren, warmen Bierflaschen und gucken fern.

Eine Nacht in dieser Räuberhöhle reicht bei weitem und ich fahre runter an den Strand von Patong. Hier finde ich ein Zimmer mit Stil, verlasse es aber zwei Stunden später schon wieder! Inzwischen habe ich mich durch die lokalen Diveshops gekämpft, um rauszufinden, wo die interessantesten Tauchplätze dieser Insel sind und wer mir die besten Tripps anbietet. In einem dieser Tauch-Shops wurde mir ein Spezialangebot für schnell Entschlossene offeriert. Aber nur, wenn ich in zehn Minuten bereit sei für eine fünftägige Exkursion zu den Similan Islands. Die andern Gäste seien schon unten im Hafen und mir bleibt nicht mal Zeit, noch etwas einkaufen zu gehen. Aber ich muss nicht lange überlegen - klar, dass ich dabei bin!

So fahren wir eine halbe Stunde später auf einem Pick-Up-Truck runter zum kleinen Hafen, wo uns ein Transferboot in vier Stunden zum eigentlichen Tauchboot bringt, das draussen auf offener See auf unsere Ankunft wartet. Das Meer ist ruhig, die Sonne am Horizont versunken. Dunkle Gewitterwolken, die jetzt von hinten durch den Vollmond beleuchtet werden und man erkennt dadurch nur ihre silbrig glänzenden Ränder. Immer wieder erhellen zuckende Blitze in der Ferne die Nacht. Zu weit entfernt, um den Donner zu hören.

Der „Scuba Cat“ ist ein selbst gebauter Katamoran. Diese wahnsinnigen Thailänder haben ganz einfach ein normales Schiff in der Mitte auseinandergesägt, ein bisschen Blech rangeschweisst und aus diesem Haufen Stahl ein dreideckiger Katamoran gebastelt! Aber es schwimmt! Eric, ein vollsüchtiger, tauchwütiger Amerikaner, dem das Boot gehört, hat es gemütlich eingerichtet und so werden die fünf Tage auf dem Scuba Cat zu einem Traum.

Wir tauchen wie die Blöden. Vier- oder fünf Mal täglich - bis mein Körper so total mit Stickstoff vollgepumpt ist, dass ich mich erst ein paar Tage am Strand von diesen Strapazen erholen muss! Im hinteren Teil des Schiffes, wo das gesamte Equipment untergebracht ist, befinden sich zwei kleine Motorboote, mit denen wir zu den Riffs fahren können, wenn es für den Scuba Cat nicht tief genug ist. Die aber auch gebraucht werden, um uns wieder einzusammeln, wenn wir uns mal völlig "vertaucht" haben und irgendwo weit weg vom Mutterschiff zurück an die Oberfläche ploppen! Mein absoluter Lieblingsort an Bord ist ein Netz, das vorne zwischen die beiden Bugspitzen des Schiffs gespannt ist, wo man sich direkt über den Wellen zum Träumen reinlegen kann. Genial! Im Innern ist ein kleinr Saloon mit Video und HiFi, gleich dahinter Küche und Kajüten.

Die Similan Inseln symbolisieren den absoluten Südsee-Traum schlechthin. Die Inselgruppe ist gänzlich unbewohnt und kann nur per Schiff erreicht werden. Weder Hafen noch Steg gibts in diesem Nationalpark. Dafür aber haben wir zwei Kajaks an Bord, die wir zwischen den Tauchgängen dazu benützen, um an die unberührten, weissen Sandstrände zu rudern. Weit weg vom Festland und von jeglicher Zivilisation. Dadurch erklärt sich auch die Reinheit des Wassers. Kristallklar und türkisblau. Zusammen mit dem feinen Sand und den Palmen im Hintergrund ergibt sich ein Bild, das eigentlich viel zu kitschig ist, um überhaupt der Realität zu entsprechen...

Wir ziehen die Kajaks aus den Wellen. Hoch in den sicheren Sand. Warmes Wasser umspült meine Füsse. Dann machen wir uns auf, die Inseln zu erkunden. Erklimmen Felsen und streunen durchs Unterholz des Dschungels. Bis es wieder Zeit wird, um zum Scuba Cat zurückzupadeln, denn die Flaschen für den nächsten Tauchgang sind bereits gefüllt.

Shanon aus Kalifornien wartet auf mich. Sie ist mein Buddy - meine Tauchpartnerin. Ein perfektes Team. Die Kommunikation unter Wasser stimmt und wir verstehen uns (auch über Wasser) perfekt. Jedes Mal wenn ich zu ihr rübergucke und ihr signalisieren möchte, dass ich noch 100 bar in meiner Flasche habe, zeigt sie mir gleichzeitig das selbe an. Ein Tauchgang ist besser als der andere. Genial! Ein Highlight jagt das nächste. Wir haben unendliche Sichtweiten und angenehme 28 Grad im Wasser. Der Höhepunkt des heutigen Tages erleben wir ganz am Schluss des Tauchgangs. Wir hangen an der Ankerleine und warten unsere fünf Minuten im untiefen Wasser ab, bevor wir zurück an Bord gehen. Plötzlich zerrt Shanon völlig ausser sich an meinem Arm und zeigt nach oben. Über mir sehe ich nur ein Schatten! Und was für einer: ein Manta mit annähernd drei Meter Flügelspannweite segelt direkt über unsere Köpfe hinweg und geniesst sichtlich das angenehme Kitzeln der Luft-Bubbles am Bauch. Mit langsamen und weichen Bewegungen zieht er vorbei, dreht eine lange Kurve und verschwindet in den unendlichen Tiefen des Blaus. In solchen Momenten bin ich hin und weg. Tränen der Freude in den Augen und vor lauter Staunen lässt du fast den Schnuller aus dem Mund falllen! Ich wünsche mir, dass alle andern genau jetzt durch meine Maske sehen könnten und dieses wahnsinnige Schauspiel auch erleben dürften. Jede Sekunde ziehe ich voll rein und weiss genau, dass ich solch überwältigende Bilder mein Leben lang nicht mehr vergessen kann.

Abends nach dem Essen gehe ich mit Chris auf seinen allerersten Nachttauchgang. Vermutlich bin ich nervöser als er, denn wir sind bloss zu zweit unterwegs und ich habe die volle Verantwortung - gewissermassen den Job eines Divemasters. Ich mache mit ihm das Briefing, überprüfe seine Ausrüstung und erstelle einen Tauchplan. Eric sitzt bei uns und guckt mir zu. Versichert mir, dass es keine Probleme gäbe und nach einem gegenseitigen ok leeren wir unsere Westen und versinken im tiefen Schwarz des nächtlich unheimlichen Meeres. Die Idee ist einfach. Wir padeln zwanzig Minuten gegen die Strömung, nie tiefer als 15 Meter und lassen uns daraufhin zurück zum Schiff treiben, wo wir wieder auftauchen. Ich richte den Kompass direkt gegen die Strömung und ab gehts. Skurile Figuren, Krebse und nachtaktive Fische kreuzen unsern Weg und wir vesuchen mit unsern Lampen ein paar grosse Langusten in ihren Höhlen aufzustöbern. Nach genau zwanzig Minuten lassen wir uns gehen und treiben wieder zurück zum Boot. Speziell in der Dunkelheit ist es nicht einfach, sich unter Wasser zu orientieren. Die Sichtweite ist auf wenige Meter beschränkt und nur schon durchs Umschwimmen einiger Korallenstöcke kommt man sofort vom angepeilten Kurs ab. Also bin ich ja mal gespannt, wo wir auftauchen werden! Dauernd guck ich nach oben und versuche das Tauchschiff zu finden. Zudem hab ich immer auch ein Auge auf den Tiefenmesser, damit wir nicht plötzlich absaufen! Zu meinem Erstaunen kann ich tatsächlich ein schwaches Licht an der Oberfläche ausmachen und der Scuba Cat ist genau über uns! Chris hat jetzt alle seine Bedenken über Nachttauchgänge abgelegt und diese neue Erfahrung sichtlich genossen. Ich übrigens auch.

Früh morgens um sieben verdrücken wir im Eiltempo eine Schale Corn-Flakes und schon sind wir wieder unter Wasser. Der erste Tauchgang am Morgen ist meist der schönste. Und ich liebe diese Stimmung, die über dem Meer liegt. Die frische Luft vor der Hitze des Tages und die Ruhe. Eine Stunde später, gleich nach dem Tauchen folgt erst das richtige Frühstück mit Beacon & Eggs, Früchten und was halt ein richtig ausgehungerter Taucher so alles verdrücken kann. Jedenfalls werden wir von der thailändischen Crew so richtig dick verwöhnt.

Nach drei Tagen auf See haben wir ein Rendevous mit dem Transferboot. Die einzige Verbindung zum Rest der Welt und alle ausser mir kehren nach Phuket zurück. Auch dieser echt dicke Unterwasserfotograf aus Bangkok, der in seinem Anzug aussieht wie das Michelin-Männchen und tonnenweise Blei um seine Fettwülste binden muss, damit er überhaupt absinkt! Wir verabschieden uns herzlich, erhalten Kisten voller frischer Nahrungsmittel und Terry und Caroline kommen an Bord. So sind wir für die nächsten Tage nur zu dritt auf dem Schiff!

Caroline ist aus Paris und bezieht ihre drei Wochen Urlaub. In langen Gesprächen, abends unterm Sternenhimmel, draussen auf Deck, offenbart sich mir einmal mehr unsere unterschiedliche Lebensart. Ich befinde mich in einer völlig andern Realität. Weit weg von ihrer. Sie erzählt mir über ihren Job, ihre Karriere, ihr Geld. Mindestens einmal pro Woche fliegt sie nach Nizza - geschäftlich. Ist oft unterwegs, lebt in Hotels und geht auch mal schnell für ein Wochenende nach New York zum Shopping. Überall auf der Welt hat sie Freunde - reiche Freunde. Die kommen auch mal eben aus den Staaten rüber nach Paris auf ihre Geburtstagsfeier. Ein anderes Leben...

Shanon ist weg - doch auch mit Caroline machen die Tauchgänge echt Spass und wir sind ein ausgeglichenes Team. Heute reisst die Strömung mal so richtig. Wie ich das liebe, denn jetzt geht so richtig die Post ab! Wir springen rein, tauchen gleich ab und treffen uns unten an der Ankerleine. Das Wasser ist so stark, dass es mir beinahe die Maske vom Gesicht reisst! Wir vier hängen am Seil wie Fahnen im Wind. Würdest du jetzt loslassen, wärst du sofort weggeblasen und kämst irgendwo vor der Küste Indiens wieder an die Oberfläche! Sobald wir aber den Meeresboden erreicht haben, lässt die Strömung nach und wir können uns gemächlich treiben lassen. Das ist wie fernsehen. Ich brauche mich nur gemütlich ins Wasser zu legen und das Riff zieht wie im Film an meinen Augen vorbei... Wir lassen uns völlig abdriften und als wir auftauchen, befinden wir uns weit weg vom Scuba Cat. Die Strömung hat uns voll weggespült, aber unser Kapitän hat uns gesichtet und nimmt Fahrt auf. Wir dümpeln im Wasser und dieses Riesending steuert direkt auf uns los. Das Gefühl ist so, als wärst du am Schwimmen und die Zürichseefähre donnert genau auf dich zu, um dich aufzuladen!

Wir sitzen draussen auf Deck. Kippen ein Bier. Reden. Lachen. Der Himmel über uns ist tiefschwarz - eine weitere tropische Nacht unter den Sternen. Neben mir liegt mein Rucksack, und wir warten einmal mehr aufs Transferboot, das mich zurück nach Phuket bringt. Fünf wunderschöne Tage nehmen ein Ende und etwas wehmütig klettere ich über die Reeling, winke dem Scuba Cat nach, der sich langsam im Dunkel des weiten Ozeans auflöst.

* * *

Ich sitze mit Daniel unten am Strand. Für den heutigen Tag haben wir uns zwei kleine Motorräder gemietet und sind damit quer über die Insel getuckert, um an einen verlassenen Strand zu gelangen. Bei einem Bier sitzen wir nun unter Palmen und disskutieren übers Segeln. Wir haben uns getroffen, weil wir beide an einem Segelturn nach Sri Lanka interessiert sind. An der Pinwand des „Chalong Yachting Club“, ganz im Süden von Phuket, fand ich (so wie Daniel auch) diese Nachricht eines Franzosen, der sich für eine mehrwöchige Überfahrt eine neue Crew zusammenstellen möchte. Und so treffen wir uns kurz darauf mit Jean-Baptiste, dem Besitzer der Segelyacht. Wir sprechen über die Route, den Aufwand, die Zeit, die wir benötigen würden und natürlich auch über die anfallenden Kosten. Daniel und ich wären prinzipiell beide sofort bereit für den Tripp. Keine Frage - etwas Futter einkaufen und los! Eine abenteuerliche Vorstellung - mit einem Segelboot mehrere Wochen auf offener See! Nur wir drei!

Jean-Baptiste braucht einige Tage, um zu entscheiden. Das macht mich kritisch und irgendwie hatte ich dadurch ein komisches Gefühl. Dann ist es für ihn klar, dass er sich aufgrund verschiedenster Kriterien gegen den Tripp entscheidet. Vor allem weil wir zu spät dran sind, denn aus Süden ist der Monsun im Anzug. Doch er schläg uns vor, zwei Wochen lang Richtung Süden, nach Malaysia zu segeln, wo er dann sein Boot für die Regenzeit einstellen will. Hört sich auch nicht schlecht an und so verabreden wir uns für den nächsten Morgen um zehn Uhr in Jimmy's Lighthouse fürs Frühstück.

Nach Müesli und starkem Kaffee geht alles ganz schnell. Jean-Baptiste organisiert Wasser und Diesel, während Daniel und ich im Supermarkt all die Nahrungsmittel zusammenkaufen, die wir in den nächsten Tagen gebrauchen könnten. Vollbepackt mit Einkaufstüten trotten wir zurück an den Strand, wo Jean-Baptiste uns schon erwartet. Nachdem wir alles ins kleine Dinghy geladen haben, tuckern wir raus zur Yacht.

Ich bin total nervös und freue mich extrem auf diesen Tripp. Lange schon ist das ein grosser Traum von mir. Kann es kaum erwarten, die Yacht zu besteigen und schliesslich den Anker zu lichten... Es kann los gehen. Mit einem sanften Ruckeln springt der Motor an und Jean-Baptiste steuert sachte zwischen den andern vor Anker liegenden Schiffen aufs offene Meer hinaus. Ich sitze vorne in der Bugspitze und muss auf nahe, unter der Wasseroberfläche liegende Seile oder sonstige Hindernisse achten, denn falls uns etwas in die Schiffsschraube kommen würde, könnten wir gleich wieder umdrehen und abbrechen! Das Ziel des ersten Tages ist Koh Phi Phi, eine kleine, etwas touristische Insel. Den ganzen Tag über sind wir unterwegs und treffen kurz vor Sonnenuntergang in der ruhigen Bucht ein. Leider haben wir nicht übermässig viel Wind und obwohl wir beide Segel setzen, müssen wir zusätzlich noch etwas Schub vom Motor haben, da wir sonst nie ankommen würden.

Das Segelboot liegt sicher in den sanften Wellen, alle Arbeiten an Bord sind erledigt und so machen wir uns einen netten Abend am Strand. Auf Anhieb gefällt mir die lockere Atmosphäre auf Koh Phi Phi. Auf dieser winzigen Insel lärmen weder Autos, noch Motorräder und ich brauche mich nicht vor wild geworden Taxifahrern beim Überqueren der Strassen in Acht zu nehmen. Die Gassen sind staubig und gesäumt von niedlich kleinen Shops und Restaurants. Hier verkauft man Sarongs oder Flugtickets nach Bangkok und gegenüberliegend ist ein Tauchladen, der auf handgeschriebenen Holzschildern Tripps zum Shark Point anpreist. Wir setzen uns in eine nette Kneipe unten am Wasser und schlagen mal wieder so richtig dick zu. Und das lohnt sich, denn das Essen ist so was von lecker!

Daniel erzählt aus seinem Leben. Auch er ist Franzose, wie Jean-Baptiste. So müssen sich die beiden immer etwas konzentrieren Englisch zu sprechen, damit auch ich was von der Unterhaltung mitkriege! Doch das geht ganz gut und schliesslich verstehe ich ja auch ein paar Brocken Französisch. Daniel ist 38 und in Italien geboren. Vor fünf Jahren liess er sich pensionieren und seither ist er mehr oder weniger immer nur am Reisen. Er baute sich einen lukrativen Erwerb im Interieur Design auf und lebt jetzt eigentlich nur noch von den Zinsen des Vermögens, das er mit dem Verkauf seines Geschäftes gelöst hat. Anfangs reichte das auch noch, um mit seinem Bruder und der Freundin in der Welt umherzuziehen, doch seit der letzten Rezession kann er nur noch sich selber über Wasser halten - führt jedoch ein gutes Leben! Nun spielt er mit dem Gedanken eine eigene Segelyacht zu kaufen und will sich in der Kunst des Segelns ausbilden. Das ist der Grund, weshalb er jetzt möglichst viele solcher Turns machen möchte, um zu sehen, ob das sein künftiges Leben sein könnte. Auch um die harte Realität auf See kennenzulernen und nicht nur in den Träumen und Illusionen des eigenen Schiffs zu schwelgen.

Wir bleiben einen Tag auf der Insel und so fahre ich am nächsten Morgen mit Yvonnne, meiner Divemasterin, zum Shark Point, um zwei schöne Tauchgänge zu machen. Nur hat unser thailändische Bootsführer so seine Probleme, das Riff zu finden! Wir kreisen eine halbe Stunde lang auf dem Meer herum, fragen erst einen lokalen Fischer, bevor wir endlich die Boje sichten, welche den Tauchplatz anzeigt. Das Verrückte an diesem Tauchgang ist ein Leopardenhai, der einen Halbkreis um uns zieht und uns neugierig beobachtet. Schon als er sich mit schlängelnden Bewegungen nähert, entdecke ich etwas Komisches an seiner Schwanzflosse. Erst als er aber näher kommt, sehe ich ganz klar ein Seil, das um seinen Schwanz gelegt und verknotet ist! Ein grosses Fragezeichen! Wer um alles in der Welt bindet einem Hai ein Seil um dessen Schwanzflosse?

Frühmorgens kurble ich den Anker hoch. Eine anstrengende Arbeit, die meine Oberarme sofort erschlaffen lässt und mir auf brutale Art und Weise zeigt, dass ich eben doch noch kein Vollblutmatrose mit riesigem, tätowiertem Biceps bin! Die Luft ist frisch und der Morgen jung. Die Sonne steht noch nicht weit überm Horizont und ich freue mich wie ein kleiner Junge auf den neuen Tag. Wir setzen Segel und nehmen langsam Fahrt auf, Richtung Norden. Jean-Baptiste will noch kurz einen weiteren Strand auf Koh Phi Phi anlaufen, um Freunde zu besuchen, bevor wir Kurs auf Rai Lay Beach nehmen. Unterwegs kreuzen wir eine Gruppe thailändischer Fischerboote. Ich bin am Steuer (!) und muss andauernd den kleinen Boyen mit diesen Fähnchen oben drauf ausweichen, die Langustenkäfige markieren.

In Rai Lay Beach verbringen wir wiederum den Abend am Strand, verabreden uns mit zwei Deutschen Mädels und essen und quasseln auf der Terrasse eines gemütlichen Strandrestaurants. Am Morgen, nach einer schönen Nacht auf der Yacht, mache ich eine unangenehme Bekanntschaft mit einer Qualle. Wie jeden Morgen, ist das erste was ich mache - bevor ich überhaupt richtig wach bin - einen Sprung ins frische Nass. Ich stehe auf, krieche aus dem Schlafsack, steige auf Deck und springe sogleich ins Wasser, schwimme ein paar Züge und plötzlich spüre ich ein nesselndes Gefühl in der Brustgegend. Reflexartig stosse ich meinen Körper zurück, doch es ist schon zu spät. Ich schwimme zurück zum Schiff und spüle die brennenden Stellen sofort mit Essig ab. Scheisse, in der Flasche ist nur noch ein kleiner Schluck und natürlich haben wir keine zweite an Bord. Das Brennen wird immer schlimmer und mein gesamter Oberkörper verfärbt sich glühend rot. Die Magengegend, die Brust, bis raus auf die Arme und Hände. Weisse Blasen bilden sich und die Schmerzen werden immer unerträglicher. Ich kann es nicht fassen!

Meine Situation verbessert sich nicht. Ganz im Gegenteil - die Symptome werden nur noch schlimmer. Ich liege flach auf dem Boden, versuche konzentriert zu atmen. Aber das geht nicht und ich bin schon völlig am Hyperventilieren. Die Bauchmuskulatur verkrampft sich, zieht sich total zusammen und fühlt sich an, wie ein einziger Klumpen! Meine Hände beginnen zu surren, das Herz rast. Der ganze Körper zittert nur noch. Die Muskeln sind wie gelähmt und meine Hände verkrampfen sich so stark, dass ich es nicht mehr schaffe, die zusammengezogenen Fäuste zu lösen. Kann meine Finger nicht mehr strecken! Keine Chance! Ich spüre, wie sich das Gift weiter ausbreitet und nun kann ich auch nicht mehr klar sprechen. Es ist, als ob nun auch die Gesichtsmuskulatur gelähmt ist und ich verliere langsam die Kontrolle! Der besorgte Jean-Baptiste entscheidet sich, mit mir an Land zu fahren...

Etwas später finde ich mich wieder, auf dem Boden einer Hotellobby liegend. Rund um mich herum stehen ratlose Thais, denn der nächste Arzt wäre in Krabi - eine stundenlange Reise per Boot. Eine Strasse runter zum Strand existiert nicht. Doch ich fühle mich schon besser. Kann meine Hände wieder bewegen und auch mein Puls wird eine Spur langsamer. Also denk ich, dass wir wieder aufs Boot rausfahren können, um unsere Reise durch die thailändische Inselwelt fortzusetzen. Ich fühle mich beschissen. Den ganzen Tag lang Kopfschmerzen und ein Zittern in den Händen. Sogar am Tag danach spüre ich noch immer dieses leichte Surren in den Extremitäten, so wie wenn dir ein Körperteil einschläft. Doch prinzipiell bin ich froh, dieses Abenteuer lebend überstanden zu haben und gehe fortan etwas vorsichtiger ins Wasser. Als ich da flach auf dem Rücken im Boot lag und mein Körper so langsam erste Lähmungserscheinungen aufzeigte, war es mir echt nicht mehr so wohl in meiner Haut und ich befürchtete Schlimmes...

Diese Gegend Thailands ist übersäht mit Tausenden von grossen und kleinen Inseln in skurilsten Formen. Auf unserm Weg zum James Bond Felsen ankern wir vor einer kleinen Insel und gehen per Dinghy auf Entdeckungsfahrt. Durch eine drei, vier Meter breite Passage fahren wir mit unserm winzigen Motorgummiboot in den Innern Teil der Insel. Vor uns öffnet sich ein kleiner See, der nur durch diesen einen Durchgang mit dem Meer verbunden ist. Rund um uns herum steigen grün überwucherte Felsen senkrecht in die Höhe und sind so steil, dass wir nirgends an Land gehen können. Wir sitzen ganz alleine zu dritt in unserm Boot, lauschen der Ruhe. Ausser den Vögeln und dem Gurgeln des Wassers ist absolut nichts zu hören. Stille. Ein faszinierender Ort.

Die Nacht verbringen wir bei einer unbewohnten Insel. Koh Roi. Auch diese hat die Form eines in sich geschlossenen Ringes. Bei Ebbe, wenn sich der Meeresspiegel senkt, leert sich das Wasser aus einer Höhle und es ist möglich, an diesem Punkt ins Innere der Insel vorzudringen! Ansonst steht die Höhle unter Wasser und es gibt kein Durchkommen. Wir kriechen durch und wissen genau, dass wir nicht zu lange im Innern dieser festungsartigen Insel bleiben dürfen. Einfach wieder raus, bevor der Pegel steigt! Drinnen befindet sich diesmal kein See, sondern ein eingeschlossenes, kleines Paradies. Bäume, Büsche und ein gluckernder, kleiner Bach.

Daniel kocht das Dinner, und nach dem Eindunkeln bleibe ich noch lange draussen auf Deck. Wir haben eine Hängematte an den Mast gebunden und ich liege nur so da, gucke in die Sterne und träume vor mich hin. Lausche den Affen auf der Insel. Ab und an dringt ein fernes Donnergrollen eines Gewitters weit draussen auf dem Meer an mein Ohr. Sonst Ruhe. Die Yacht schaukelt sanft in den Wellen - die Hängematte immer in die Gegenrichtung, und so dauert es nicht lange, bis ich einnicke.

Wie immer geht die Reise früh morgens weiter. Jean-Baptiste ist schon um sechs Uhr auf Deck am rumwerken, doch ich bleibe noch etwas liegen, bis Daniel Kaffee macht und mich der verlockende Duft endgültig aus dem Schlafsack zieht. Kippe mir einen Eimer Wasser über den Kopf und haue mir eine Schüssel Flakes rein, bevor wir den Anker lichten und wieder in die See stechen. Unterwegs treffen wir auf einheimische Fischer, die uns frisch gefangene Crevetten andrehen wollen. Mir läuft sogleich das Wasser im Mund zusammen!

Jean-Baptiste wird nervös. Er steht am Steuer. Unser Plan ist es, zwischen zwei Inseln hindurchzufahren, doch zeigt uns die Karte an dieser heiklen Stelle eine Untiefe an. Aber nach seinen Berechnungen sollte es eigentlich reichen. Bis plötzlich ein kurzes Rucken durchs Boot gehen und wir uns geschockt anschauen. Unser Kiel streift den Meeresboden - Scheisse! Zum Glück ist es nur Sand und nicht etwa irgend welche Felsen oder gar das Riff. Allen Grund nervös zu sein. Daniel und ich stehen vorne am Bug und versuchen im klaren Wasser zu erkennen, ob gefährliche Steine oder Riffblöcke auf uns zukommen, die wir rammen könnten. Doch es scheint alles ok zu sein und irgendwie kommen wir durch - mit nochmaligen kleinen Kratzern!

Ein paar Seemeilen weiter stossen wir auf weitere Probleme. Unser Motor, den wir unbedingt brauchen, um zwischen all den Inseln hindurch zu manövrieren, macht schlapp! Auch das noch... Doch Jean-Baptiste kennt sein Boot in- und auswending und nach einer kurzen Operation mit Schlüssel und Schraubenzieher, springt unser Volvo-Diesel wieder an. Glück gehabt und weiter gehts...

Jean-Baptiste ist nun schon zehn Jahre auf See. Seit sechs Jahren war er nicht mehr in Frankreich. Sein Zuhause sind die Weltmeere. Die „Fuli“ (so der Name der Yacht) hat er mit viel Liebe selbst gebaut. Das alleine dauerte mehr als fünf Jahre. Jetzt hat er Frankreich endgültig den Rücken gekehrt und alles aufgegeben. Besitzt keine Wohnung, hat all seine Versicherungen gekündigt, kriegt weder Sozialzuschüsse noch irgendwelche Renten - nichts. Und somit steuert er mit seiner Fuli in eine unsichere Zukunft. Das macht ihm selbst etwas Sorgen und am liebsten würde er sich in ein paar Jahren mit seinem Schiff in die Seen Kanadas zurückziehen und für immer dort bleiben. Vielleicht nochmals ein paar Jahre in Frankreich arbeiten? Doch auch das ist für den 47-Jährigen nicht so einfach. Jobs sind rar... Dazu kommt, dass er ausser der Fuli so ziemlich nichts besitzt. Er hat keinen Penny am Arsch und muss extrem sparsam leben, um über die Runden zu kommen. Hauptsächlich ernährt er sich von Zigaretten und Cola! Dafür geht das ganze Geld drauf, das er durchs Mitnehmen von Passagieren, einnimmt. Er sagt, er brauche einfach seine zwei, drei Pakete Marlboro täglich und eine grosse Flasche Cola. Das müsse sein! Auf alles andere könne er gut verzichten und so kann er sich zum Beispiel ohne Probleme wochenlang nur von Nudeln ernähren.

In Krabi müssen wir die Formalitäten und den ärgerlichen Papierkrieg erledigen, um die Grenze nach Malaysia passieren zu können. So fahre ich mit Jean-Baptiste in die Stadt, während Daniel auf dem Boot bleibt. Erst mal das Zollgebäude aufsuchen und dann weitere Stempel und Bewilligungen auf der Immigration einholen. Natürlich kassiert der dicke Beamte, der uns abschätzig durch die Gläser seiner Hornbrille betrachtet, seine fette Kommission von uns. Eine Abgabe ohne Beleg oder Quittung und jeder weiss, dass das Geld direkt in seine Taschen fliesst. Doch bleibt uns keine andere Möglichkeit, als uns der Korruption zu beugen und zu zahlen, denn dieser unsympathische Kerl sitzt einfach am längeren Hebel, spielt seine Macht gekonnt aus und könnte unser gesamtes 10-Tonnen-Boot auseinandernehmen lassen, wenn wir nicht spuren. Also zahlen!

Wir kaufen frische Lebensmittel ein und fahren zurück auf die Yacht zu Daniel. Die Nacht ist etwas ungemütlich. Ein Sturm zieht auf und wir werden ganz schön durchgeschüttelt. Trotzdem schlafe ich ganz gut. Stört mich eigentlich nicht und langsam lasse ich mich in meine Träume wiegen. Aber der Sturm lässt nicht nach. Ganz im Gegenteil; er wird eher noch stärker. Doch fahren früh am nächsten Morgen weiter, bis ich vom Meer her eine schwarze Front direkt auf uns zu kommen sehe. Sofort holen wir die Segel ein und nur Minuten später werden wir orkanartig durchgeknallt. Diese Winde hätten uns sogleich die Segel zerfetzt oder den Mast gebrochen. Ich kann verstehen, dass Jean-Baptiste etwas nervös wurde!

Ich am Steuer! Neben mir, links und rechts, brutal schäumende Wellen, die weit höher als das Boot sind. Ich kann nicht mehr über sie hinwegsehen und kann mich nur orientieren, wenn das Boot über den nächsten Wellenberg geschwungen wird. Versuche die Wellen so anzufahren, dass es am wenigsten schaukelt, doch das ist schlicht unmöglich. Winde über 80 Knoten, meterhohe Wellen und die See pechschwarz und wild. Der Kompass dreht im Kreis. Mal nach Osten, dann wieder nach Westen - wie soll ich da denn Kurs halten? Denn der Kompass ist meine einzige Orientierungsmöglichkeit. Das Land ist nicht mehr in Sicht. Rund um mich nur Wasser und Sturm. Jean-Baptiste ist unter Deck, hat die Luke geschlossen und ist mit dem Chart und dem GPS beschäftigt. Wenigstens er weiss, wo wir uns befinden! Ab und zu guckt er mal wieder raus, um zu sehen, ob ich noch da stehe... Zu meiner Aufgabe gehört es auch, nach thailändischen Fischkuttern Ausschau zu halten. Denn auch diese kleinen Boote sieht man erst, wenn ich mit unserm Boot oben über die Wellen schwebe.

Die Fuli schlägts nach wie vor von einer extremen Schräglage in die andere und wenn ich mal eine Welle nicht ganz richtig erwische, schwapt sie voll über Deck und deckt mich erbarmungslos zu. Da hilft auch der Regenschutz nichts mehr. Ich bin pflotschnass! Klammere mich richtig am Ruder fest, versuche die Balance zu halten und möchte trotz allem mit niemandem sonst auf der Welt meine jetztige Rolle tauschen! Ich geniesse den Augenblick - diese Kraft und die Gewalt der Natur. Fühle wie klein der Mensch plötzlich ist und mit wie viel Mühe und Aufwand er sich gegen die furiosen Elemente wehren muss, um zu überleben und erst abends in der Koje überlege ich mir, was wohl passiert wäre, wenn mich eine solch riesige Welle, die ab und zu über mich und das ganze Schiff geschwapt ist, von Bord gespült hätte.

Der Sturm lässt später im Nachmittag etwas nach und wir erreichen schliesslich eine kleine unbewohnte Insel mit einer schützenden Bucht, wo wir die Nacht verbringen werden.

18. Mai, mein 25. Geburtstag!
6.00 Uhr: Jean-Baptiste ist schon wach und macht sich eine heisse Milo.
6.15 Uhr: auch ich krieche langsam aus meiner Koje und setze mich draussen auf die Sitzbank. Auch eine heisse Milch mit Milo.
6.30 Uhr: wir sind damit beschäftigt, das Hauptsegel zu verkleinern, da Jean-Baptiste noch immer mit starken Winden rechnet. Da werden schon erste Kraftakte gefragt.
6.40 Uhr: der Motor will mal wieder nicht anspringen.
6.45 Uhr: ich löse die Leine von der Boje und wir nehmen Kurs auf Südost 160°, Speed 4,6 Knoten.
7.10 Uhr: nachdem wir den Autopiloten installiert haben, habe ich Zeit für ein ausgiebiges Frühstück. Yoghurt mit Flakes, eine Tandarine und ein Butterbrot. Das Meer ist ruhig und hat schön grosse, aber regelmässig ruhige Wellen.
7.30 Uhr: leichter Wind aus Osten; 5 bis 10 Knoten.
9.30 Uhr: ich bin zwei Stunden lang damit beschäftigt, die Pumpe des Klos, die kaputt gegangen ist, zu reinigen. Auf Deutsch: Scheisse abkratzen...
9.40 Uhr: an der Leine, die wir hinter dem Boot nachziehen, fangen wir einen kleinen Thunfisch! Das ist der erste Fisch überhaupt, denn das Meer in dieser Gegend ist völlig überfischt. Mein Geburtstagsgeschenk!
9.45 Uhr: wir holen das vordere Segel wieder ein, da der Wind nun fast von vorne kommt und fahren im Stil eines Cargoschiffes mit der Kraft des Motores.
9.55 Uhr: wir passieren ein Fischernetz auf der Backbordseite. Keine Gefahr.
12.30 Uhr: unser Lunch. Ich stehe unten im Boot vor dem kleinen Gaskocher, der an zwei Punkten aufgehängt ist, so dass er immer waagrecht steht. Auch bei grössten Wellen. Ich habe eine Pfanne mit zwei Spiegeleiern in die Vorrichtung gespannt, damit sie nicht quer durchs ganze Boot fliegt... Dazu gibts Salat und etwas Brot
13.30 Uhr: Jean Baptiste hat sich ins Innere der Fuli zurückgezogen, um sich eine Weile hinzulegen.
15.00 Uhr: in weiter Ferne kann ich eine Inselgruppe am Horizont erkennen. Unser Tagesziel.
15.10 Uhr: ein Fischerboot stoppt ganz in unserer Nähe an einer Boje, um die Lobsterfangkörbe zu kontrollieren.
16.00 Uhr: wir nähern uns den zwei kleinen, unbewohnten Inseln. Der Wind ist noch immer genau gegen uns. Wird etwas stärker. Dafür ist das Wetter wieder schön und den ganzen Tag lang bin ich draussen unter brennender Sonne, so dass ich mir soger etwas meine Nase verbrutzle!
16.10 Uhr: der Küste entlang ist das Meer nach wie vor sehr wild und ich beobachte die schäumende Gischt hoch aufspritzen.
16:20 Uhr: Foto von mir...
16.28 Uhr: ich freue mich schon über den zweiten Fisch am Haken, doch ist es bloss ein Stück altes Seil.
17.20 Uhr: ich lasse den Anker runter und Jean-Baptiste sitzt am Motor und testet, ob der Anker auch hält.
17.40 Uhr: mit Bürsten reinigen wir die Yacht von unten her. Eine anstrengende Arbeit und andauernd schwappt mir ein Schluck Salzwasser in den Schnorchel!
18.00 Uhr: da ich eh schon im Wasser bin, schwimme ich noch kurz zum Riff rüber, um ein bisschen rumzuschnorcheln, die Korallen und das Leben im Meer zu beobachten, bevor die Sonne untergeht.
18.15 Uhr: Jean-Baptiste versucht noch zu fischen, während ich mit der Kärcherhandpumpe eine Dusche nehme. Jeder von uns hat nur zwei Liter Süsswasser täglich zur Verfügung. Mit der einen Hand hältst du den Strahler, mit der andern bist du am pumpen und dazwischen einseifen...
19.00 Uhr: draussen ist schon dunkel und ich bin drinnen am Kartoffeln schälen.
20.00 Uhr: der Thunfisch schmeckt absolut lecker!
21.30 Uhr: wir sitzen draussen auf Deck. Eine Tasse dampfenden Kaffee in den Händen und verdrücken die Schokolade, die Jean Baptiste noch irgendwo gefunden hat und mir als Geburtstagsgeschenk überreicht.
22.00 Uhr: träumend von Wind und Wellen liegen wir schon in tiefem Schlaf, denn am nächsten Morgen geht um 4.00 Uhr die Reise weiter...

Ein weiterer Tag sind wir auf offener See und überqueren irgendwo unbemerkt die Grenze nach Malaysia. Gegen Abend laufen wir in den Hafen von Langkawi ein und haben genügend Zeit, um die Zollformalitäten zu erledigen. Von hier ists nur noch eine weitere Tagesreise auf der Fuli bis nach Penang, wo ich Jean-Baptiste und seine gliebte Yacht verlassen werde. Irgendwie bin ich auch froh, denn es ist nicht einfach, zusammen auszukommen auf einem so kleinen Raum. Wir teilen uns diese wenigen Quadratmeter während vierundzwanzig Stunden am Tag. Jean-Baptiste ist ab und zu ziemlich gereizt und sehr launisch. Öfters haben wir kleine Auseinandersetzungen und ich spüre, dass er nach so vielen Jahren auf See einfach keine Nerven mehr hat, sich andauernd mit einer neuen Crew rumzuschlagen und eigentlich lieber seine Ruhe hätte, jedoch auf das Geld solcher Typen wie Daniel und mir angewiesen ist.

Ich denke auch, dass es wohl besser war, nicht zusammen mit Jean-Baptiste nach Sri Lanka zu fahren, wie es ursprünglich geplant war. Obwohl das natürlich auch menschlich für mich die totale Herausforderung gewesen wäre. Schade. Doch ich liebe das Segeln. Ich liebe die vierzig Fuss lange Fuli. Das Arbeiten mit und gegen die Natur. Diese Faszination, die Kräfte des Windes bestmöglichst auszunützen und durch verschiedene Techniken möglichst viel rauszuholen. Dieser Sport bietet mir eine perfekte Mischung aus Kopfarbeit, körperlichen Leistungen, High-Tec-Materialien und der Herausforderung, sich gegen Wind und Wellen zu stellen und dessen Kräfte richtig zu nutzen. Dazu kommt die endlose Weite auf den Ozeanen. Das Wasser. Die totale Freiheit. Die gesamte Welt geht dir voll am Arsch vorbei! Nur du und das Meer. Keine Menschen, keine Probleme. Das Universum reduziert sich auf die Fuli. Sie ist alles was wir haben und brauchen zum Leben.

Bist du auf dem Meer, steht dir alles offen. Nur schon der Gedanke, einfach Segel zu setzen und irgendwo hin zu fahren. Ich träume von den Malediven, der Südsee, dem Kap der Guten Hoffnung und von einer Weltumrundung, wie sie Jean-Baptiste hinter sich hat. Fremde Küsten und verlassene Inseln erwarten dich - und alles gehört nur dir!

Penang ist eine schon ziemlich grosse Stadt auf einer Insel, die durch eine lange Brücke mit dem Festland verbunden ist. Ich kann mich noch nicht ganz an den Gedanken gewöhnen, die Fuli zu verlassen und wieder auf festem Boden zu leben, denn diese zwei Wochen auf See habens mir wirklich angetan. Eine Sucht - eine Sehnsucht...

Und ich bin wieder auf dem Weg zurück nach Thailand. Sitze in einem Bus. Draussen hangen schwere, bleierne Wolken am Himmel. Die Strasse ist feucht und der Tag geht langsam seinem Ende entgegen. Der Strasse entlang stehen kleine Stände mit Esswaren, die kurz vorm Eindunkeln ihre Gaslampen anzünden und auf hungrige Lastwagenfahrer warten. An einer Raststätte machen wir Halt. Eine grosse Halle ohne jeglichen Charme, die einfach mit so vielen Tischen und Stühlen gefüllt, wie nur möglich. Hier kriegen wir ziemlich übles Essen. Das liegt schon den ganzen Tag lang in Schüsseln, ist kalt und wird völlig lieblos in meinen Teller gepappt! Hauptsache etwas für den Magen. Ein heruntergekommenes, verschmiertes Schild hängt hinter der Kasse: AMERICAN BRIEAKFAST, SANWICH HAM OR SHEESE. Dahinter sind ein paar stinkende Toiletten mit einer alten Oma davor, die zwei Baht pro Piss kassiert. Und weiter geht die Fahrt... Wir sind mit Abstand das schnellste Gefährt auf der Strasse und überholen alles andere was uns in den Weg kommt. Trucks, Autos und Pick-Ups mit schlafenden Arbeitern auf der Ladefläche. Aus den Lautsprechern säuselt melancholische Thai-Musik. Niemand spricht. Ich döse ein...

Endlich habe ich mal wieder ein kleines Bungalow unten am Strand für mich ganz alleine. Das gabs schon lange nicht mehr! Nach einer weiteren Nacht auf der Fähre, wo ich auf dem Fussboden schlafen musste, bin ich jetzt in Koh Tao, der Schildkröteninsel. In der Bar am Strand läuft nichts und auch die Diveshops wirken ziemlich ausgestorben, da jetzt Zwischensaison ist. Doch genau das geniesse ich und es ist mir lieber so, als wenn die Insel mit Touristen überlaufen ist. Jetzt nehmen sich die Thais Zeit und es herrscht eine völlig relaxte Atmosphäre. Auch sie geniesen die Ruhe.

Fühle mich etwas ausgelaugt und brauche jetzt viel Zeit um all das Erlebte zu verarbeiten und um meine physisch und psychischen Batterien erneut zu laden. Ich mache nicht sehr viel. Tagelang liege ich in meiner geliebten Hängematte und lese oder mache mir ein paar Gedanken über meine Zukunft. Was wird sie bringen? Werde ich bald wieder arbeiten? Was wohl? Oder von Neuem auf Reise gehen? Ich komme zu keinem vernünftigen Schluss und vertiefe mich in mein Buch. Scheissegal! Am Strand läuft nichts. Nur die Wellen und das Rascheln der Palmen in der kühlenden Abendbrise, die vom Meer her durch die Blätter streicht.

Mein Bungalow ist eine einfache Konstruktion aus Bambus und einem Schilfdach. Wenn dann mal so eine nette Böe vom Meer her rüberweht, schüttelts meine ganze Hütte jeweils tüchtig durch. Auf der Veranda steht ein kleines Rattansofa und die Hängematte hängt quer darüber. Im Wind flattern ein paar frisch gewaschene T-Shirts. Drinnen ists eher eng und viel mehr als ein Bett mit einem Mosikotnetz gibts nicht (ich bin ja auch nur zum Schlafen im Innern - ansonsten häng ich eh nur draussen rum). Dahinter eine Dusche und das WC. Ab Mitternacht gibts auf der gesamten Insel keinen Strom mehr und für diesen Fall hängt eine Petroleumlampe an der Wand. Romantisch... und das Licht im Bad funktioniert eh nicht!

Von der Veranda aus überblicke ich die ganze Bucht und hab einen weiten Blick aufs Meer hinaus. Das ist genau das, was ich brauche! Stundenlang kann ich einfach so da liegen, in der Hängematte schaukeln und die Frische des Ozeans in mich aufsaugen. Tagträumen! Morgens gehe ich regelmässig bei Jo, meiner Vermieterin, zum Frühstück, bevor ich tauchen gehe. Sie begrüsst mich schon von Weitem mit einem freundlich aufgestellten "Sawat-dii Kah!", bevor ich überhaupt auf der Terrasse ihres hübschen Restaurants bin. Dann serviert sie mir meinen üblichen Fruchtsalat mit Joghurt und den Toast mit Rührei, dazu eine Ovaltine. Sie informiert mich über den neuesten Tratsch auf der Insel (ob mal wieder eines dieser hochseeuntauglichen Tauchboote abgesoffen ist...) und übers Wetter.

„Big Bubble“ ist vermutlich die übelste Tauchschule, die ich je gesehen habe. Trotzdem machts Tauchen riesig Spass, denn die richtigen Leute machens aus. Micha, der Boss, ist ein Deutscher mit langen blonden Haaren, der aussieht wie Otto und möglichst keinen Stress haben will. Lieber nicht zu viele Gäste und nicht zu viel Arbeit! Und so hängt er auch die meisete Zeit in seiner Hängematte, einen Joint in der Hand oder spielt mit seinem Hund Modo. Der Belgier Michel arbeitet als Divemaster. Er hat zu Hause eine eigene Firma in der Medizinbranche, die seit drei Jahren ohne ihn läuft. Seine Sekretärin schmeisst den Laden und er ist auf Achse! Der hat sich sein Leben gut eingerichtet!

Nicht wie bei andern Tauchschulen, wo immer einheimische Fischer als Nebenverdienst mit den Longtail-Booten zu den Riffs hinausfahren, jobt bei Big Bubble Steve, ein völlig abgefahrener Engländer, als Käpt'n des Tauchschiffes. Er wäre eigentlich auch gerne Taucher, hat aber ein Problem mit seinen Ohren und so fährt er halt "nur" die Boote und hilft im Diveshop mit. Alles ist völlig desorganisiert und nichts funktioniert so wie geplant (falls überhaupt je etwas geplant wird!). Als ich gestern ins Wasser sprang, blubberte die Luft aus meinem Mundstück, Angelas Ventil an der Flasche war undicht, aus ihrer Maske flog ein Glas raus und als wir zum Lunch unsere zwei Boote zusammentauen wollten, versenkten wir einen Stock, den wir erst wieder hochtauchen mussten. Die Divemaster wussten nicht, mit wem sie runtergehen würden und während dem Vorbereiten des Tauchgangs stellten wir fest, dass sich all unsere Bleigurte im andern Boot befanden. Der eine Divemaster musste sich übergeben und als wir wieder zurückfahren wollten, war die Ebbe schon zu weit fortgeschritten, so dass wir an einem andern Ort an Land gehen mussten und zu Fuss zurück zur Tauchschule gingen!

Zurück bei Big Bubble gibts erst Tee und Biskuits. Im Hintergrund säuselt Reggae-Musik. Wir sitzen noch eine Weile da rum, arbeiten uns durch die Fischbücher und versuchen rauszufinden, was wir auf den heutigen Tauchgängen so alles gesehen haben. Was war denn das nun für ein Hai? Abends treffen wir uns im Viewpoint Restaurant. Da gibts den besten Thaifood der Insel! Nur schon der Duft aus der Küche lässt meinen Magen verrückt spielen... Bei einem Singha Beer sitzen wir noch bis tief in die Nacht zusammen - bis eben der Strom gekappt wird! - und plaudern (na über was wohl?) über Fische und Riffe. Ausser mit Angela unterhalte ich mich übers Snowboarden, da sie jeweils im Winter im Skigebiet arbeitet und den Sommer über auf Reisen ist. Völlig verrückt. Jetzt sitzen wir da unten in den Tropen am Meer, in T-Shirt und Shorts und haben nichts besseres zu tun, als über Schnee und Bretter zu quatschen!

Ein ziemlich frustrierender Tag. Meine Abreise. Der Himmel ist schwarz und ein Gewitter zieht auf. Das Schiff nach Chumphon fährt nicht. So muss ich über Koh Pha Ngan und Koh Samui nach Surat Thani fahren. Dann gleich zum Bahnhof, wo ich den Schnellzug nach Bangkok nehmen will. Doch alles ist voll ausgebucht und ich kriege keinen Schlafwagen mehr. Also Holzklasse. Uns so soll ich die Nacht verbringen? Sind ja nur elf Stunden in einem lauten, windig kalten und schmutzigen Abteil mit senkrechten Holzsitzen. 3. Klasse eben... Der Thai neben mir liegt eher auf als neben mir. Schliesslich lege ich mich auf den Boden. Nur habe ich keine Matte mit mir und nur ein dünnes Stofftuch, damit ich nicht ganz im Dreck liegen muss. Es ist so eng, dass ich mich nicht mal drehen kann. Trotzdem bin ich so müde vom Reisen, dass ich ziemlich gut schlafe. Auch der Thai über mir ist glücklich über meine Entscheidung, da er jetzt die ganze Sitzbank für sich alleine hat. Aber er käme nicht auf die Idee sich auf den Boden zu legen - zu schmutzig! Irgendwann - ich schlafe so tief - stupft mich jemand und sagt mir, dass wir jetzt in Bangkok seien. Ich setze mich auf, reibe die Augen und sehe, dass ich noch der letzte und einzige im ganzen Wagen bin! Nur ich und mein Rucksack oben auf der Gepäckablage!

Glücklicherweise kenne ich Bangkok schon ein wenig von meinem letzten Aufenthalt und finde ohne weitere Probleme ein Bett in der Koh San Road. Nachmittags klappere ich ein paar Reisebüros ab und organisiere mir einen Flug nach Europa. Ein komisches Gefühl... Auch noch schnell zum Zahnarzt, um zwei Löcher auszubessern. Dr. Puttipong Tavavichulada von der Rukfun Dental Clinic ist ein total netter Typ und freut sich über die ausländische Kundschaft. Die Klinik macht mir auch einen professionellen Eindruck und alles scheint steril zu sein. Da habe ich schon ganz andere Sachen gesehen!

Ein Schocker: Meine Kreditkarte ist abgelaufen und ich habe absolut keine Kohle mehr. Völlig abgebrannt. Der ganze Tag geht drauf, um irgendwo ein Büro oder eine Bank zu finden, die mir weiterhelfen kann. Ich kontaktiere die Hotline und die versprechen mir, innert 24 Stunden eine neue Karte zu organisieren. Das wird ja eh nie klappen! In Thailand? - vergiss es!

Doch tatsächlich kann ich mir tags darauf auf einer Bank im Stadtzentrum meine neue Kreditkarte abholen. Bin aber etwas spät dran und chartere ein kleines Motorrad. Ich frage den verrückten Fahrer, ob es noch reicht, bis dann und dann in dieser Bank zu sein? Logisch, kein Problem. Und schon sitze ich hinten drauf und wir rasen wie die Wilden zwischen den Autokolonnen hindurch. Ich muss ein paar Mal meine Knie etwas anziehen, da ich sonst hängen geblieben wäre! Aber um Punkt 15.30 stehe ich vor der Bank und ich kann noch durch den Hintereingang rein, um meine neue Karte abzuholen. Jetzt kann ich auch für den Flug und meine Bude bezahlen.

Beim Gate der Air Lanka leuchtet schon "Last Call". Wieder 'mal bin ich viel zu spät dran und bin mit dem Bus, der so knallvoll war, dass ich mich aussen aufs Trittbrett stellen musste, im Verkehrschaos der Stadt stecken geblieben. Meine Reise geht langsam dem Ende entgegen. Ich habe ein komisches Gefühl im Magen. Nach eineinhalb Jahren und einem Tag fliege ich zurück. Das erste Mal auf diesem Tripp, dass ich ein Flugzeug besteige. Gemischte Gefühle. Irgendwie freue ich mich auf die Rückkehr und auf meine Freunde, aber auf der andern Seite ist es so weit weg jeglicher Realität. Schweiz? Kann ich überhaupt noch zurückkehren? Werde ich mich wohl fühlen? Oder bin ich vielleicht schon zu lange weg geblieben und habe ich mich zu stark an diesen fremden Lebensstil gewöhnt? Fragen über Fragen.

Wir rollen auf die Startbahn. "Please fasten your seat-belt!". Die Zeit ist schnell vergangen. Waren es wirklich eineinhalb Jahre? Jeder Tag war anders. Jeder Tag ein spezielles Erlebnis. Und jetzt sitze ich da. Das Ende. Aber auch ein Neuanfang. Aufgeregt und mit einem wehmütigen Surren in der Bauchgegend. Das gleiche Surren, wie damals, als ich mit dem gleichen Rucksack neben mir an der Strasse stand, den Daumen in der eisig kalten Januarluft und einfach ohne grosse Ziele losgezogen bin. Ich kann es nicht fassen. Das ist doch irre! Fliege ich nun wirklich zurück? Zurück in eine ungewisse Zukunft! Der Pilot ist "Ready to Take-Off" und wir schweben den Wolken entgegen...