Nepal Tagebuch, Kapitel 5

Zusammen mit Andrea bin ich auf dem Weg zum Annapurna Base Camp (kurz: ABC). Wir sind früh morgens losgegangen und jetzt gibts Trecking bis zum Exzess! Andi ist nicht zu bremsen und am liebsten würde sie noch weiter gehen, auch wenn die Sonne schon längst hinter den Bergen versunken ist. Gehen, gehen, gehen. Immer weiter. Immer mehr sehen. Immer mehr erleben.

Der Weg ist hart und übertrifft sogar noch den Vortag. Stufen über Stufen. Ein unendliches Auf-und-ab bis zur Erschöpfung! Nie würde auch nur eine flache Passage kommen, wo man einfach nur gemütlich spazieren könnte. Und oft ist der Pfad so steil, dass es mir beim Runterschauen schwindlig wird. All die Tausenden von Stufen sind einzeln von Hand gemeisselt und dann auf den Weg eingepasst worden. Im Prinzip ist das ja ganz angenehm zu gehen, aber nach einigen Stunden mit dem schweren Gepäck auf dem Rücken fährt diese Tortur doch ganz schön in die Beine. Und das Tag für Tag.

Anfangs ist noch Leben im Tal. Da stehen kleine Dörfer und es wird Landwirtschaft betrieben. Die Hänge sind steil, aber trotzdem bauen die Menschen der Berge Reis und Getreide an. Die üppigen Bäume tragen Früchte und Kinder spielen vor den Häusern mit den Tieren. Ja, die Welt scheint hier oben in Ordnung zu sein! Beinahe tropisches Klima und der Dschungel wuchert wie wild. Fruchtbare Vegetation und alles in einem saftigen Grün. Je weiter wir aber ins Tal vorstossen und je höher wir kommen, desto weniger Menschen leben da. Die Schlucht wird immer enger und steiler und alle Infrastruktur, der wir in den folgenden Tagen noch begegnen werden, ist nur noch für Trecker da, denn ein eigentliches Dorfleben existiert nicht mehr. Eine Hand voll einfacher Lodges und sonst nur Berge, Berge, Berge!

Der Weg ist zwar hart, aber superschön. Meist im Wald, aber immer wieder sehe ich weit über mir strahlend weisse Berggipfel aufblitzen oder ein Wasserfall, der genau gegenüber über die senkrechten Felsen rauscht. Weiter hinten im Tal stoppe ich an einer kleinen Stupa, die geradezu einlädt zu meditieren, denn ein weiterer Wasserfall ergiesst sich in unendlich vielen kleinen Bächen über die gesamte Felswand. Der ganze Berg scheint Leben in sich zu bergen und ist wie verzaubert. Erinnert mich an eine Kirchenorgel mit Hunderten von Pfeifen. Ein anderes Wasser fliesst wie in einer Rutsche. Der ganze Fels total ausgeschliffen und am liebsten würde ich mich da reinschmeissen und runter krachen!

Neben dem Pfad raschelt dauernd etwas und jedes Mal versuche ich zu erkennen, was das wohl für ein Tier sein könnte. Schlangen? Eidechsen? Affen? Oder einfach nur Vögel (die superschön sind und von denen es im Himalaya eine unendliche Vielfalt gibt). Bei einer Hütte treffe ich auf einen Träger der stark aus dem angeschwollenen Fuss blutet und zittert. Er giesst sich heisses Wasser drüber und schlägt dauernd mit einem Bambusstab auf die Wunde. Leider kann er mir nicht sagen, was geschehen ist, aber so wie das aussieht, könnte es ein Biss gewesen sein. Als die Blutung ein wenig nachlässt, gebe ich ihm von meiner desinfizierenden Salbe und hoffe, dass es ihm helfen wird.

Kurz vorm Eindunkeln erreichen wir ein Kaff mit dem Namen Bamboo und steigen im «Buddha Guest House» ab. Das Beste nach einem solch Schweiss treibenden Tag ist die warme Dusche (solar heated), um den ganzen Dreck und Staub runter zu waschen. Im gleichen kann ich auch noch meine Kleider reinigen und hoffe, dass sie bis zum nächsten Morgen trocken sind. Vielleicht noch rasieren und die Beine mit einer kühlenden Crème einreiben. Die Füsse nach Blasen und Druckstellen absuchen und frische Klamotten anziehen. Wellness pur!

Nachtessen am gemeinsamen grossen Tisch mit dem Kerosinbrenner drunter. Alle haben Wolldecken auf den Knien und versuchen so möglichst viel Wärme zu speichern. In dieser Lodge arbeitet ein total verrückter Nepali, der uns ein paar lustige Anekdoten aus seinem Leben erzählt. Sein Bruder spielt Fussball für die Nationalmannschaft und lebt irgendwo im Ausland. Jedenfalls sei er ein Star in Nepal! Er selber ist so ein richtiger Machotyp und strotzt vor Narzissmus. Immer wieder betont er, was für ein hübsches Gesicht er habe und dass ihm alle Mädchen sagen, er sehe aus wie ein italienischer Filmstar, an dessen Namen er sich aber nicht mehr erinnert. Wenn es einmal soweit sein wird, möchte er aber kein Nepali-Mädchen heiraten – obwohl man von den zukünftigen Schwiegereltern zur Hochzeit ein Motorrad geschenkt bekommt (das wäre ja schon eine gute Sache!). Aber viel lieber will er wieder eine Japanerin, wie er schon mal eine hatte. Oder dann eben diese Holländerin mit den kurzen Haaren, die auch bei uns am Tisch sitzt! Er weiht mich lachend in die Geheimnisse ein, wie man in Nepal ein Mädchen rumkriegen kann: Wenn du mit einer Schönheit Blickkontakt hast, brauchst du bloss den Kopf etwas zur Seite zu neigen und mit dem rechten Auge zu zwinkern. Lächelt sie zurück, hast du gewonnen und sonst versuchst du eben das gleiche Spielchen bei der nächsten... wir lachen uns kaputt! Der Abend endet damit, dass er mich im Armdrücken herausfordern will, wobei ich (mit rechts) nach hartem Kampf keine Chance habe und unterliege. Wahre Männer!

Am nächsten Morgen weiss ich schon genau in dem Moment, wo ich die Augen öffne, dass etwas nicht stimmt. Ein schlechter Tag! Und mein Gefühl bestätigt sich, als ich aufs Klo gehe: Durchfall vom Feinsten. Ich fühle mich hundeelend und bereue, dass ich am Vorabend ein üppiges Frühstück bestellt habe. Und wie ich mir schon dachte, ist alles bereits gekocht und so versuche ich trotzdem etwas zu essen. Müesli mit Milch. Geht nicht runter. Schon beim ersten Bissen verdreht es mir den Magen, würgt mich und ich muss sofort raus an die frische Luft! Den Pfannkuchen packe ich für später ein und versuche wenigstens meinen Tee zu trinken. Aber im Aufenthaltsraum stinkt es dermassen nach Kerosindämpfen und Essen, dass ich es nicht aushalte, meinen Rucksack packe und schon mal langsam los gehe. Die Luft im Wald tut mir gut. Trotzdem fühle ich mich elend. Die Bauchgurte an meinem Rucki kann ich schon gar nicht schliessen, da es mir sonst gleich alles oben raus drücken würde! Mir ist schwindlig und ich bin so schwach, dass ich nur ganz sachte einen Fuss vor den andern setzen kann. Sobald eine Steigung kommt, kriege ich kalte Schweissausbrüche und muss immer wieder mal stoppen, um nach Luft zu schnappen.

Im nächsten Dorf lege ich mich auf eine Mauer in die Sonne. Andrea findet mich hier, neben einem langhaarigen Japaner liegend, der auch ein wenig vor sich hin döst. Sie gibt mir eine indische Spezialmedizin, die ihr auch geholfen hätte. Was auch immer das sein mag. Egal, rein damit. Inzwischen schmeisse ich auch meine alles abtötenden Chlortabletten in die Wasserflasche und hoffe, dass die im gleichen auch noch mit all den Bakterien in meinem Verdauungstrakt aufräumen! Und falls ich das alles nicht überleben sollte, so bitte ich Andrea, mich auf einen grossen Scheiterhaufen zu legen und während dem Feuer die Musik von «Om Mani Padme Hum» zu spielen!

In Deorali machen wir kurz Pause und teilen uns eine Kanne Tee. Trotz der Kälte halte ich die schwere Luft in dieser Kneipe nicht aus, muss sofort wieder raus, denn nur schon der Gedanke an Essen ertrage ich nicht! Also bringe ich den ganzen Tag lang keinen einzigen Bissen runter und erst oben beim Machhapuchhare Base Camp versuche ich ein erstes kleines Stück Biskuit. Hier treffen wir auch wieder auf diesen total netten Träger von dem einen Deutschen Opa, die nun schon seit 35 Tagen zusammen unterwegs sind. Wir unterhielten uns schon vor ein paar Wochen in Pisang, und quetschten über Nepal und die Welt. Nun erinnert er sich sofort wieder an mein Gesicht und fragt nach Sabine!

Der Weg durch die Einsamkeit der Berge ist traumhaft. Bin nach wie vor alleine unterwegs und geniesse die Ruhe. Entdecke bizarre Pflanzen mit fleischigen Blättern und Stacheln. Hüte mich davor, sie anzufassen! Andere Sträucher sind völlig abgestorben. Das Tal ist weiterhin sehr eng. Links und rechts steigen senkrechte Felswände in den Himmel. Mit Bambus, Moos und Farnen überwuchert. Alles glänzt in der feuchten, vom Regen geschwängerten Luft und zwischendurch stürzen sich Wasserfälle in die Tiefe. Mal nur einer, ganz kraftvoll, mal über die gesamte Felswand verteilt.

Ich durchquere ein Feld voller schwarzer Pflanzen. Erfroren? Und über dem Tal hängt den ganzen Tag lang ein hartnäckiger Nebel. Grau und kalt, aber doch irgendwie eine faszinierende Stimmung. Fast schon mythisch und wild! Ich kann nicht weit sehen. Die Wolken senken sich und ich folge einfach dem Pfad. Wie eine Maschine. Nur gehen, gehen, gehen. Durch dicke Bambuswälder, immer weiter den Berg hoch. Märchenhaft. Ich versuche das Positive des Tages zu sehen und sobald es wieder rumpelt im Magen, denke ich an etwas ganz anderes. Stelle mir schöne Bilder vor, wie zum Beispiel ein warmer, von Palmen gesäumter Sandstrand.

Ich überspringe einen kleinen rauschenden Bergbach, klettere die letzten Stufen empor und sehe plötzlich wenige Meter vor mir die «Cozy Lodge» aus dem Nebel auftauchen. «Crazy Lodge» wäre wohl passender, denn sogleich mache ich Bekanntschaft mit der Chefin der Hütte. Sie ist noch jung, aber ziemlich gut gebaut, was in Nepal eher die Ausnahme ist. Zeigt mir mein Zimmer und als ich ihr sage, dass ich noch auf jemanden warte, stellt sie sich vorne an die Felskante und schreit «Andrea, Andrea!» den Berg runter. Keine Antwort, aber eine schwarze Ziege kommt angerannt, die sie sofort auf die Arme nimmt und so weiter in den Nebel hinaus schreit! Doch Andi scheint noch weit unten zu sein. Ich ziehe mir erst was Trockenes an, packe die dicke Winterjacke aus und setze mich unten an den Bach, denn dort gibt es eine Weggabelung, die Andrea vielleicht verpassen könnte.

Unser Zimmer ist schweinekalt. Minus drei – und beim Sprechen gibts Rauchwolken! Ans Duschen nicht zu denken! Die Schuhe stehen in der Ecke und dampfen. Die sind jetzt schon total hinüber. Alle Nähte sind aufgeplatzt und ich frage mich, wie sie noch zwei weitere Monate durch die Berge überleben sollen!

Nebenan im Aufenthaltsraum ist nicht viel los. Ausser dass «Kali», die schwarze Ziege, da drin Radau macht! Plötzlich steht sie mit den Vorderbeinen neben mir auf der Sitzbank, den Kopf auf dem Tisch und will etwas zu fressen! Und als sie dann auch noch an mein T-Shirt ran will, das ich zum Trocknen neben mir ausgelegt habe, kommt schon die dicke Chefin angetrabt! Mit einem Bambusstab in den Händen schreit sie aus vollem Hals: «Kali, Kali – I kill you!». Was für ein verrückter Laden!

Die Geschichte Kalis ist genau so durchgeknallt, wie die Lodge auch. Ein Israeli hat diese Ziege als Baby in Bhulebhule gekauft und mit auf den ganzen Treck genommen. Dieses Tier hat also genau so wie wir diese dreihundert Kilometer in den Beinen und musste sich natürlich auch über den fast 5000 Meter hohen Pass quälen! Bis die beiden schliesslich in dieser Hütte strandeten und da der Israeli nicht wusste, was er nun mit der inzwischen grösser gewordenen Ziege machen sollte, blieb Kali eben in der «Cozy Lodge» hängen. Sie frisst kein Gras, sondern nur Dhal Bhat oder tibetisches Brot und ist auch ziemlich intelligent, denn wenn du sie mit ihrem Namen «Kali» rufst, kommt sie sofort und streckt uns ihre neugierige Nase entgegen. Aber stubenrein ist sie natürlich nicht!

Den ganzen Tag habe ich nichts gegessen. Jetzt versuche ich ein Biskuit, das mir die beiden netten Amerikaner anbieten, die draussen vor der Lodge in ihrem Zelt übernachten. Danach bestellen wir uns eine Tomatensuppe, die ich runter würge. Für die beiden Amis dürfte es ein erbärmliches Bild sein, als sie sehen, dass wir beide nur eine kleine Suppe essen und sie aber ein mehrgängiges Menu (sogar mit Popcorn als Starter) aufgetischt bekommen! Das ist ihnen irgendwie nicht recht.

Die beiden haben einen Bergführer in ihrer Truppe, der wie die meisten andern Nepali bloss mit einem winzig kleinen Rucksack (der 1,5 kg wiegt) unterwegs ist. Ich weiss nicht, wie die das machen und versuche mir vorzustellen, was ich noch alles im Tal lassen könnte, obwohl ich ja jetzt schon das Gefühl habe, auf alles verzichtet zu haben, was ich nicht unbedingt brauche. Dieser Guide erzählt uns eine tragische Geschichte von einer Tour in Tibet, wo er im letzten Jahr mit einer grossen Gruppe von 55 Touristen unterwegs war. Sie übernachteten irgendwo auf dem Hochplateau in den Zelten und am nächsten Morgen seien einfach zwei der Gäste nicht aus ihren Zelten gekrochen, als seine Helfer die ganze Truppe mit dampfendem Tee wecken wollten. Tod. Über Nacht der Höhenkrankheit erlegen – obwohl sie abends zuvor noch keine Symptome an den Tag legten oder diese möglicherweise verheimlichten, weil sie die Weiterreise der ganzen Gruppe nicht gefährden wollten und dadurch unter Druck standen, das ganze Timing nicht einhalten zu können. Und genau das geniesse ich an unserer Art zu reisen. Wir haben unterliegen keinem Zeitplan und wenn wir uns einmal nicht so wohl fühlen, können wir solange wie wir wollen in einem Dorf bleiben und erst wieder weiter gehen, wenn wir Lust dazu haben oder wieder fit sind.

An diesem Abend sitzen wir noch lange in der Lodge am grossen Tisch und quasseln über wilde Geschichten, die uns in Nepal tagtäglich passieren. Die beiden Amerikaner verziehen sich im Laufe des frühen Abends in die kuschelig warmen Schlafsäcke, draussen vor der Hütte in ihren Zelten, und so hocken nur noch Andrea, die dicke Chefin und ich am Tisch. Sie scheint es zu geniessen, dass es in ihrer Lodge für einmal etwas ruhiger zu und her geht und sie sich Zeit für die Gäste nehmen kann, um mit uns zu quatschen und zu lachen. Aus der Küche bringt sie einen Apfel und ein riesengrosses Metzgermesser. Teilt wie selbstverständlich mit uns die kleinen Stücke und ich lasse mir den Apfel ganz langsam und bewusst auf der Zunge zergehen, weil ich schon so lange kein frisches Obst oder Früchte mehr bekam. Sie offeriert uns auch noch eine Tasse Tee und mit dem selben Messer, wo sie zuvor den Apfel zerstückelt hat, putzt sie sich jetzt dicke schwarze Dreckschichten unter den Fingernägeln hervor! Zudem hat sie sich eine wild aussehende Crème ins Gesicht geschmiert, die mich echt an eine Fratze des Todes in einem billigen Horrorfilm erinnert! Fürchterlich – Andrea und ich gucken uns nur an und müssen loslachen!

Noch lange liegen wir wach im Bett und quatschen. Eisige Kälte. Und ich versuche mit Hilfe dieser homöopathischer Dragees etwas Schlaf zu finden, was aber nach wie vor überhaupt nichts hilft. Ich döse vor mich hin, wache dauernd wieder auf und warte sehnlichst auf das erste Licht des Morgens.

Die beiden Amis mit ihren neun Trägern standen um fünf Uhr früh auf, stiegen zum Basislager hoch, um den Sonnenaufgang da oben zu sehen und sind aufs Frühstück schon wieder zurück. Kurz bevor Andi und ich aufbrechen, kommt die junge Frau auf mich zu und sagt, dass sie mir gerne 1000 Rupien übergeben würde, damit wir uns doch zwischendurch mal eine nette Mahlzeit leisten können! Ich muss mir ein Lächeln verkneifen und lehne dankend ab – aber sie insistiert und ich denke, da wir ja wirklich echt knapp bei Kasse sind und eh völlig abgebrannt sind, dass wir das Geschenk ausnahmsweise annehmen dürften. Damit können wir für uns beide einen ganzen Tag lang Essen und Unterkunft finanzieren! Obwohl mir das ja nicht recht ist und ich hoffe, dass wir die beiden später in Pokhara oder in Kathmandu nochmals treffen werden, damit ich diese Schulden begleichen kann.

Zwei Stunden sinds bis zum Annapurna Base Camp – für einmal eine kurze Etappe. Wie jeden Morgen ziehen früh schon die ersten Wolken auf und so schaffen wir es nicht ganz bis zu unserm Ziel, um noch all die Gipfel rundum zu sehen, bevor uns der Nebel aus den Tiefen des Tales einholt. Zwischen den einzelnen Wolkenfetzen gucken immer mal wieder leuchtend weisse Spitzen hervor. Hier ein 7000er, da ein 8000er! Und ich kann mir nur vorstellen, wie es über dem Nebelmeer aussehen würde! Inzwischen sind wir auf 4150 Meter und somit weit höher als die Waldgrenze. Da oben wächst nur noch trockenes, drahtiges Gras, das ganz gelb ist. Wir steigen in einer der vier oder fünf Lodges ab und siehe da, unser Armdrücker-Macho-Typ aus Bamboo ist auch da oben! Er sei ein paar Tage auf Besuch bei Freunden.

Den Rest des Tages sitzen wir in dickem Nebel, der nur ab und zu ein kleines Stück blauer Himmel frei gibt. Ansonsten ist es schweinekalt – egal wo du bist: im Zimmer, im Restaurant oder draussen. Überall nur Kälte. Bis dann endlich einer der Köche das Feuer unter dem Tisch anmacht, was zwar erbärmlich nach Kerosin stinkt, so dass mir halb übel wird. Aber egal, Hauptsache warm! Die Frage ist nur, ob ich lieber ersticke oder erfriere. All die Nepali sitzen nun auch mit uns um den Tisch herum und spielen Karten als Zeitvertreib – oder besser gesagt, sie bescheissen einander andauernd!

Um nicht den ganzen Nachmittag rumzusitzen und Tee zu trinken, ziehe ich meine dicke Jacke über und gehe raus in den Nebel spazieren. Folge einem Weg der Gletschermuräne entlang und sehe keine 20 Meter weit. Neben mir gehts ziemlich steil runter. Irgendwo da muss der Gletscher sein. Ewiges Eis. Gehe weiter und komme zu einer aus Steinen aufgebauten Gedenkstätte für Anatoli Boukreev. Ein nachdenklicher Moment, denn ich kenne diesen Mann aus Büchern und von den Fotos in der Lodge, wo auch er abgestiegen ist. Und so ist es beinahe schon, als ob er ein Freund gewesen wäre. Ich sitze da und lasse meinen Gedanken freien Raum.

Dieser Russe war einer der allerbesten Bergsteiger des letzten Jahrhunderts, der immer auf der Suche nach neuen Herausforderungen war: die Annapurna-Südwand im Winter! Sowas hats noch nie gegeben. Niemand wagte bis anhin diese Route. Aber am 25. Dezember 1997 verschwand er in einer Lawine und ist nie wieder vom Berg zurückgekehrt. Klettern war seine Berufung, sein Leben. Die Berge gaben ihm alles und nahmen auch wieder alles...

Weiter oben baue ich mein eigenes Steinmanndli auf einem grossen Felsblock, nahe dem Abgrund. Vermutlich wird dieser Brocken bald einmal in der Tiefe verschwinden und diese Steine werden bei meinem nächsten Besuch in Nepal nicht mehr da sein. Noch immer sehe ich nichts von den grossen Bergen rund um mich, spüre nur ihre magische Gegenwart. Dafür aber ist mir jetzt wieder warm und so kehre ich zurück in die Hütte auf eine heisse Tasse Tee. Andi sitzt am Tisch und kritzelt in ihrem Tagebuch. Die Lodge auf dieser Höhe ist an und für sich recht gemütlich. Es stehen verschiedene Hütten nahe beieinander und etwas weiter hinten ist sogar ein Volleyballfeld, wo sich die Träger bei eisiger Kälte und nur in ihren Sandalen ein Match liefern, während schon erste, feine Schneeflocken aus dem Nebel fallen.

Unser Zimmer ist gleich das erste neben dem Restaurant. Das Klo aber ist ganz hinten im Gebäude und das bedeutet jedes Mal einen schlotternden Spaziergang mit der Stirnlampe durch die Kälte der Nacht! Im Aufenthaltsraum befindet sich ein einziger grosser Tisch, wo alle drum herum sitzen und sich wärmen. Nachts schlafen dann die Träger und Treckingführer auf diesen Bänken, sowie auch all die Touristen, welche in der Hochsaison keine Zimmer mehr fanden. Auf der Theke liegt jetzt schon einer im Schlafsack und beobachtet das Treiben. Aus einem kleinen Radio scheppert billige Hindi-Musik und eine zischende Gaslampe erzeugt ein schwaches Licht. Plötzlich steigt mir ein bekannter und doch fremder Duft in die Nase. Ich sehe mich um und weiss sofort was es ist: Zwei alte Koreaner sitzen mir gegenüber und schlürfen ihr von weither mitgebrachtes Kim-Chi!

Die Nacht auf 4200 Meter ist die Hölle. Nicht wegen der Höhe – ich bin gut anklimatisiert und habe dieses Mal überhaupt keine Probleme. Weder Atemnot, noch Kopfschmerzen. Nichts! Dafür aber macht uns eine kleine Maus im Zimmer das Leben schwer! Und die treibt mich fast zum Wahnsinn! Zudem ist es scheissekalt und jedes Mal wenn ich mich im Schlafsack bewege, schwappt eine Welle eisig kalter Luft hinein. Ans Einschlafen ist nicht zu denken, weil mein Bauch noch immer an den Tomato-Cheese-Maccaroni von heute Abend rummacht. Magenkrämpfe quälen mich und jedes Mal wenn ich mich im Bett umdrehen möchte, dreht sich auch der Magen! Ich spiele schon mit dem Gedanken, diesen Mülleimer vor der Tür in meine Nähe zu stellen – einfach nur für alle Fälle. So liege ich zwei oder drei Stunden wach, wälze mich gereizt hin und her, bis ich dann endlich die zweite von Andreas indischer Wundermedizin einwerfe. Schliesslich nicke ich endlich mal ein, aber dann donnert bestimmt genau in diesem Moment eine gewaltige Eislawine vom Annapurna South herunter und erschüttert das ganze Tal.

Aber wie schon gesagt: Diese kleine, freche Maus ist das grösste Übel dieses Abends. Immer wieder hören wir sie im Zimmer rumtapsen. Licht an – aber sie ist nicht zu sehen! Licht aus und weiter schlafen. Ein paar Minuten später beginnt das gleiche Spielchen wieder von vorne: Sie versucht an Andreas Rucksack, der genau zwischen unsern beiden Betten steht, hochzukrabbeln! Licht ein – und weg ist sie! Einfach nicht zu sehen – bis ich sie beim dritten oder vierten Mal endlich beobachten kann, wie sie in der Ecke unter meinem Bett in ein kleines Loch verschwindet. So versuche ich von neuem einzuschlafen – mit der Taschenlampe und einer Sandale neben dem Kopfkissen und bin voll davon überzeugt, dass ich dieses Mistvieh erschlagen werde, sobald es sich noch einmal blicken lässt. So genervt bin ich inzwischen! Aber natürlich ohne Erfolg... Bis ich mich daran erinnere, dass ich ja noch ein Stück Pfannkuchen im Gepäck habe, das ich vor zwei Tagen nicht essen konnte und immer noch mit mir rumschleppe. Die Strategie geht folgendermassen: Wir füttern die Maus, damit sie sich vollfressen kann und endlich Ruhe gibt. Ich hoffe, dass sie sich dann nie wieder blicken lässt und so legen wir ihr ein Stück davon vors Loch. Es geht eine Weile lang ganz gut und es ist Ruhe, bis ich plötzlich wieder aus dem Schlaf gerissen werde, weil dieses Mistding jetzt in meinem Bett gelandet ist und genau über mein Kopfkissen rennt!

Und so ist es wie eine reine Erlösung, als endlich der Wecker abgeht, obwohl es draussen noch dunkel ist. Da es kein richtiges Fenster in unserm Schlag gibt, hab ich keine Ahnung, was draussen wohl für Wetter ist und sehe mich gezwungen, aus dem so wohlig warmen Schlafsack zu kriechen, um rauszufinden, ob sich der Nebel verzogen hat. Meine Schuhe stehen drüben im Aufenthaltsraum unterm Tisch (denn ich mache nicht nochmals den gleichen Fehler wie tags zuvor, wo die feucht-nassen Schuhe über Nacht so richtig steif gefrorenen sind, so dass meine wohlig warmen Füsse innert Sekunden völlig auskühlten und sich erst eine Stunde später wieder etwas Gefühl in den Zehen zeigte)! Als ich die Zimmertür öffne, übermannt mich ein vorweihnachtliches Gefühl: Eine dünne Schicht Neuschnee liegt über der Wiese.

Als wir gestern Nachmittag im Basislager angekommen sind, konnten wir uns ja noch gar kein Bild machen, was uns da eigentlich erwartet, denn der ganze Zauber dieser Bergwelt lag ja in dichtem Nebel, welcher sich aber über Nacht völlig aufgelöst hat und als ich jetzt zur Tür raus komme, flippe ich völlig aus! Ein Wahnsinn! Diese Berge! Rundum eine gewaltige Kulisse der höchsten Gipfel der Erde! Wow – ich bin total ausser Kontrolle! Die oberste Spitze des Annapurna I (8092 m) leuchtet golden, während alle andern Gipfel noch in eisiger Dunkelheit liegen. Das haut mich um!

Andrea hat drüben im Restaurant schon mal Tee bestellt, aber wir schnappen uns erst die dicken Jacken, die Kamera und machen uns auf einen Spaziergang dem Gletscher entlang, um dieses Schauspiel eines grandiosen Sonnenaufgangs in vollen Zügen reinzuziehen. Wir machen einen grossen Bogen um eine wilde Horde Franzosen in Trainingsanzügen, welche wie die Verrückten in einer grossen Gruppe den Berg hochgejoggt kommen. Ein Zwischenziel des Himalaya-Marathons! Die sind so was von nervös und aufgedreht, haben eine riesengrosse Fresse und das muss ich jetzt genau nicht haben, denn ich will eigentlich nur meine Ruhe und die Berge für mich alleine. So lasse ich die alle da unten stehen und gehe weiter bis ans Ende der Muräne, wo ich zum Gletscherabbruch des Annapurna South gelange. Das ist der absolute Hammer! Dieser Gletscher endet an einer steilen, fast senkrechten Felswand und immer wieder brechen kleinere oder grössere Stücke ab und krachen ohrenbetäubend in die Tiefe. Einmal kann ich aus nächster Nähe beobachten, wie sich ein riesiger Brocken Eis löst und über die Felsen stürzt – der Donner widerhallt im ganzen Hochtal und durch die Wucht des Aufpralls verwandelt sich das massive Eis schliesslich ganz unten innert Sekunden in feinen Schneestaub. Andi entdeckt eine gewaltige Staublawine, die genau gegenüber von der Südwand des Annapurna I in die Tiefe gleitet und den gesamten Berg in eine feine Wolke aus Schneekristallen hüllt.

Kaum hat sich der Schneestaub dieser Lawine gelegt, krachts drüben am Gletscher von Neuem. Ein massiver Turm aus Eis fällt einfach so in sich zusammen, löst sich in Tausende von kleinen Eisstücken auf und rieselt über die Felswand in den Abgrund. Den grössten Kracher verpasse ich aber, weil ich noch höher und näher an den Gletscher ran gehen will. Ich muss da aber ganz schön aufpassen, denn der steile Grasboden ist verdammt rutschig und darf mir keine Fehler erlauben, sonst ende ich auch da unten, wo die vom Gletscher abgebrochenen Eisbrocken zu Staub zermalmt liegen! Neben einem riesigen Donnern sehe ich dies Mal bloss eine Schneestaubwolke von unten her aufsteigen und bin völlig fasziniert von dieser urtümlichen Landschaft, die immer in Bewegung ist. Schnee, Eis und Fels werden zum Leben erweckt und demonstrieren mir auf beeindruckende Art und Weise ihre zerstörerische, aber auch schaffende Kraft.

Da ich noch höher als alle andern geklettert bin, spüre ich als erster im Tal die wärmenden Sonnenstrahlen des neuen Tages. Ein glühend roter Feuerball steigt genau hinter der Spitze des Machhapuchhare in den Himmel und beleuchtet schliesslich das gesamte Hochtal, welches von diesem riesigen Gletscher durchzogen ist, der aber fast ganz mit Schutt und Schotter bedeckt ist. Nur die tiefen Spalten und Abbrüche leuchten in einem hellen Blau. Auf der gegenüberliegenden Seite entdecke ich eine Gruppe von farbigen Punkten – das muss das Basislager einer Expedition sein. Weit weg von uns. Die enormen Dimensionen dieser Berge faszinieren mich immer wieder von Neuem. Wir befinden uns schon auf einer Höhe von 4000 Metern und genau vor mir geht es gleich nochmals 4000 Meter hoch in den Himmel hinein. Wenn ich mir das so reinziehe und diese Berge so betrachte, kann ich mir echt nicht vorstellen, dass da jemals eine Menschenseele hochgeklettert ist. Diese senkrechten, mit Eis und Schnee überzogenen Felswände wirken so bedrohlich und abweisend, dass ich die Erstbegeher um Maurice Herzog nur allzu gut verstehen kann, was die damals wohl für einen Schock hatten, als sie zum ersten Mal diese unbezwingbare Festung vor sich sahen und wie sie monatelang trotz herben Verlusten nach einer Route suchten und schliesslich als erste Menschen überhaupt den Gipfel eines Achttausenders bezwangen, zu dessen Füssen ich jetzt stehe und ehrfürchtig da hoch gucke.

Zusammen mit Andrea gehe ich zurück ins Camp, wo ich schnell eine Zwiebel-Tomaten-Omelette runterdrücke, um gleich wieder rauszugehen. Wir erklimmen eine ziemlich üble Geröllhalde gleich hinter dem Camp, um eine noch bessere Aussicht über all diese Berggipfel rund um uns zu haben. Wir klettern so hoch, bis am Horizont immer mehr neue Spitzen zum Vorschein kommen und schliesslich eröffnet sich vor unsern Augen ein enormes 360-Grad-Panorama. Rundum nur Berge! Alles 7000- oder 8000er. Und das Camp, mit den einfachen Hütten und Lodges weit unter uns, wirkt so verschwindend klein in dieser ach so unglaublichen Bergwelt. «Wenn ich einmal einen Sadhu werde, würde ich hierher kommen zum Meditieren», sagt Andrea und vermutlich ist es auch Boukreev so ergangen wenn er sagt, das Gebirge sei für ihn eine Kathedrale und das Bergsteigen seine Religion.

Wir sitzen einfach so da und geniessen die totale Ruhe und Schönheit dieser massiven Berggipfel. Eine andere Welt, wie man es aus den Alpen nicht kennt. Ich würde aber nicht behaupten, die Alpen oder die Himalayas seien schöner. Nein, jeder Gebirgszug hat seine eigenen Reize und ist auf seine eigene Art und Weise faszinierend. Nun aber befinde ich mich mit Bestimmtheit in einer ganz anderen Sphäre und diese unwirkliche Welt ist ganz plötzlich real geworden. Oder ist das alles doch nur ein ganz irrer Traum? Vielleicht wache ich jeden Moment auf, weil diese Maus versucht den Rucksack hochzuklettern? (Wir haben übrigens rausgefunden, weshalb dieses Tier so scharf auf Andreas Gepäck war. Da drin versteckte sie eine volle Büchse Erdnussbutter! Das ist natürlich unwiderstehlich, kann ich ja verstehen.)

Wir planten eigentlich an diesem zauberhaften Morgen in den Bergen wesentlich früher aufzubrechen und das ABC gleich nach dem Frühstück zu verlassen, damit wir noch ein gutes Stück das Tal runter schaffen; auf dem selben Weg zurück Richtung Pokhara. Aber in Anbetracht dieser Schönheiten der Natur haben wir natürlich all die guten Vorsätze gleich wieder über Board geworfen, denn wir sind einfach viel zu lange da oben sitzen geblieben, konnten uns gar nicht mehr lösen und brechen erst jetzt auf, wo schon die ersten Nebelfetzen von unten her den Flanken entlang hochziehen. Zurück in der Lodge begleichen wir unsere Rechnung und packen unsern ganzen Ramsch zusammen. Ein eisiger Wind weht uns entgegen und der ganze Traum ist innert wenigen Minuten verblasst. Der Nebel hat uns wieder und wir sehen keine zehn Meter weit! Grau in grau und bissig kalt. Ich ziehe mir alles über, was ich im Rucksack finde, der dadurch zum ersten Mal auf dem Treck so richtig leicht geworden ist. Und dann aber nix wie weg hier. Trotz allem liebe ich auch dieses Wetter und mag diese speziellen Stimmungen – doch wäre es bestimmt nett gewesen, in der strahlenden Sonne von heute Morgen ins Tal runter zu wandern.

Auf dem Weg nach unten höre ich plötzlich eine Stimme aus dem Nebel. Was war das? Ich bleibe stehen, um rauszufinden, ob ich mir das nur eingebildet habe oder ob da tatsächlich jemand gerufen hat? Ja, schon wieder. Jetzt höre ich es ganz deutlich. Martin – hey, da ruft jemand meinen Namen! Und siehe da – Sabine taucht aus dem Nebel auf! Sie ist total kaputt, hat nach wie vor Schmerzen in den Knien, aber strahlt übers ganze Gesicht und freut sich riesig auf das nahe Ziel! Wir haben uns natürlich viel zu erzählen und dann übergibt sie mir noch eine E-Mail-Adresse von zu Hause, damit ich unten in Pokhara ein paar kurze Worte nach Deutschland senden könnte, weil sie sich ja nach wie vor seit Tagen und Wochen nicht mehr bei ihren Eltern melden konnte. Einfach damit die wissen, dass sie noch am Leben ist und sich keine Sorgen machen. Na klar...

Wir entscheiden uns für einen weiteren kurzen Stopp in der «Cozy Lodge», um uns endgültig von dieser wilden Ziege mit ihrer genauso wilden Besitzerin zu verabschieden. «Kali» bedeutet übrigens in Hindi «schwarz». Und natürlich ist Kali da! Sowie auch ein verrückter Typ aus Ungarn am Tisch sitzt, der sich in den Kopf gesetzt hat, zu Fuss zurück nach Budapest zu marschieren! Andi ist ganz ausser sich, denn seit einem halben Jahr hat sie sich nicht mehr mit einem Landsmann in ihrer Muttersprache unterhalten können. Und das Beste: weiter unten im Tal kommt uns eine Mutter mit ihrer Tochter entgegen – auch die beiden stammen aus Ungarn!

Ich schlürfe meine Tomatensuppe. Die schmeckt ja ganz lecker, aber dennoch ist mein Magen noch immer nicht 100% fit. Und nur schon der Gedanke an all dieses fritierte Zeugs in triefendem Öl lässt mich würgen. Ich dachte ja immer, dass ich die Nahrung auf dem Treck einfach als Energie und nicht als Genuss aufnehmen könnte. Das bedeutet, dass ich nicht esse, weil es mir schmeckt, sondern nur in mich reinstopfe, damit mein Körper funktioniert und Leistung bringt. So wie man bei einem Wagen Benzin oder Öl auftanken muss. Aber so einfach ist das nicht und ich kann mir momentan gar nicht vorstellen, was ich denn sonst noch anderes essen könnte, ohne dass es mir gleich wieder schlecht wird. Seit fünf Wochen sieht die Speisekarte Tag für Tag gleich aus. Drei Mal täglich dasselbe Essen. In Gedanken gehe ich ja immer schon während der Wanderung das Menu durch und weiss dann schon im Voraus was ich mir im nächsten Restaurant bestellen würde. Starre dann aber trotzdem ich jedes Mal erneut unentschlossen auf die Karte und hoffe irgend etwas neues zu entdecken, das ich noch nie ausprobiert habe. Als wir heute in diesem eisig kalten Nebel losgezogen sind, träumten Andrea und ich von heissen Quellen, dieser feinen Pizza in Pokhara oder frisch gewaschenen Kleidern! Seit Tagen war ans Duschen oder Waschen nicht zu denken.

Wieder auf dem Treck kommt uns mitten im Wald ein Hund entgegen. Der hat ein fürchterliches Loch im Kopf und ich habe das Gefühl, der ist völlig verwirrt. Läuft einfach den Berg hoch – aber da oben gibts nichts. Keine Dörfer, keine Menschen!

Wir entschliessen uns heute so weit zu gehen, wir nur möglich. Also bis zum Eindunkeln. Manchmal komme ich mir vor wie in einem Computer Game. Ich hüpfe von einem Stein auf den andern und springe über zig Wurzeln. Immer weiter, immer schneller. Und weiss nie, was hinter dem nächsten Busch zum Vorschein kommt. Mal über einen kleinen, rauschenden Bach, Treppenstufen rauf und runter. Mal fliegen farbige Vögel davon, Eidechsen rascheln im Laub oder Affen turnen in den Ästen. So viele Bilder, so viele Eindrücke plätschern auf mich ein...

Manche Bilder aber haben sich so klar eingeprägt und ich staune selbst, wie ich mich zum Beispiel ganz genau an einen speziellen Stein erinnern kann. Der lag vor Tagen schon genau an derselben Stelle, als wir diesen Weg hochgekommen sind und jetzt ist mir sein Bild wieder so präsent, als wäre ich soeben hier vorbei gekommen. Aber warum hat sich genau dieser Stein in mein Gedächtnis eingebrannt? Eigentlich sieht er ja aus wie tausend andere auch?

Die Basis des Nebels liegt etwas höher und ich sehe nun ein bisschen mehr vom Tal als beim Hochgehen. Weit über mir senkrechte Felswände, wo man ganz oben verschwommene Umrisse einzelner Tannen erkennen kann. Feuchte, schwarze Felsen, aus deren Ritzen gelbes Gras wächst. Und unter mir der tosende Fluss, welcher immer grösser und kräftiger wird, je weiter wir das Tal runter gehen. Riesige Felsbrocken liegen da im Wasser, die völlig blankgewaschen sind und jede einzelne ihrer freigelegten Schichten sind zu erkennen. Hinter uns liegt ein Abstieg von über zweitausend Höhenmetern und wir bewegten uns innert kürzester Zeit durch x-verschiedene Temperatur- und Vegetationsstufen. Oben wächst nichts, ausser diesen paar dürren Grasbüscheln und jetzt befinden wir uns bereits inmitten eines tropischen Dschungels. Ein feiner Regen setzt ein und verleiht dem ganzen Märchenwald noch den nötigen, zauberhaften Glanz. Als aber erste Hagelkörner fallen, können wir unsere Pläne, bis nach Bamboo zu gehen, vergraben, obwohl Andrea trotz dem garstigen Wetter kaum zu bremsen ist. Im Wald wirds bereits dunkel und sie möchte immer noch ein Stück weiter ziehen – nur noch bis zum nächsten Dorf! Einfach weiter, weiter, weiter...

Wir bleiben irgendwo in einer Hütte in einem jämmerlich kleinen, feuchten Zimmer und verbringen ein letztes Mal eine kalte Nacht. Früh am folgenden Morgen gehts weiter bis nach Chomrong. Dort deponierte ich eine Woche zuvor einen Teil meines Gepäcks, das zum Glück alles noch da ist und jetzt versuche ich mit viel Würgen meinen eh schon zum Bersten vollen Rucksack frisch zu packen. Die Sonne brennt auf mich runter und ich sitze eine ganze Weile draussen auf der Terrasse einer kleinen Lodge mit superschöner Aussicht weit über die bewaldeten Täler hinweg, während meine Thermounterwäsche, die ich kurzerhand am Dorfbrunnen gewaschen habe, in der warmen Luft trocknet. Es tut echt gut, mal wieder richtig Sonne zu tanken und die eisig kalten Tage oben in den Bergen zu vergessen. Andrea trudelt irgendwann im Nachmittag freudenstrahlend ein und wir besprechen die folgende Nacht unten bei den Jinhu Hot Springs zu verbringen. Nicht weit von hier – im nächsten Dorf. Der Abstieg ist steil, doch ich freue mich schon jetzt wie ein kleiner Junge und nur schon der Gedanke an ein heisses Bad lässt meine Beine schneller gehen. Seit wie vielen Tagen gabs nun keine richtige Dusche mehr?

Andrea will noch ihr Rucksackchaos aufräumen, etwas kleines essen, Kleider waschen und was sonst noch? Also gehe ich schon mal vor und frage in der Lodge, wie ich denn zu den Quellen finde. Ganz einfach: dem schmalen Pfad durch den Dschungel folgen und ganz unten beim Fluss sei dann das Bad. Nicht zu verfehlen. Und dann liegt sie vor mir: die Quelle! Noch besser als in Tatopani, wo wir das letzte Mal in einem heissen Bad lagen. In Jinhu befinden sich zwei kleine Becken direkt unten am reissenden Fluss. Mitten im Wald. Rund um mich herum steil aufragende Bergflanken, dicht bewachsen. Da gibts keine Infrastruktur und nichts. Ja, nicht einmal so eine Wellblechbude wie in Tatopani, wo man sich umziehen könnte oder einer dieser Typen, der Tickets und Tee verkauft. Einfach nur das Bad und fertig. Und da plansche ich jetzt drin rum und kann mich an nichts schöneres erinnern, als einfach nur diesen Luxus des natürlich heissen Wassers zu geniessen. Wann habe ich mich zum letzten Mal so sauber gefühlt? Die verkrampften Muskeln lösen sich langsam und die Strapazen der vergangenen Wochen scheinen wie verflogen. Stundenlang liege ich einfach nur da und kann es nicht fassen...

Langsam wird es dunkel und Andrea ist noch immer nicht hier. Ob sie wohl noch oben in der Hütte ist oder den Waldweg nicht gefunden hat? Ich möchte unbedingt, dass sie dieses Wunder der Natur auch sehen kann, denn sowas zu verpassen wäre eine Schande! Ich ziehe meine Kleider wieder an, denn inzwischen bin ich der letzte im Bad und mache mich bereit für den Aufstieg zurück in die Lodge, denn all die andern Touristen und Einheimischen sind schon weg, weil es bei Dunkelheit unmöglich ist, den Trampelpfad durch den Dschungel zu finden, den ich ja bei Tageslicht schon beinahe verfehlte. Plötzlich höre ich da aber ein Rascheln und Knacken aus den Bäumen und denke zuerst an Affen oder wilde Tiere, sehe dann aber einen Augenblick später Andrea strahlend vor mir stehen. Sie lacht nur, sagt, dass sie eben noch die Wäsche hätte fertig machen müssen und nun aber trotzdem noch baden möchte. Na klar! Also springen wir wieder rein – und damit der Abend perfekt ist, zaubert sie noch zwei kühle Büchsen Bier aus ihrer Tasche!

Dieser Traum steigert sich in die Superlative. Kein Mensch ist hier. Nur wir zwei, alleine. Über uns schon die ersten Sterne und von den Bäumen kann man nur noch die Silhouetten erkennen. Sie wirken gespenstig, mächtig, schwarz. Immer wieder ein Kreischen oder Rascheln aus dem Wald und neben uns das wilde Tosen des Flusses, der alles andere übertönt. Fledermäuse umkreisen unsere Köpfe und tauchen ab und zu ins warme Wasser ein. Wir rätseln, was die Tiere da wohl machen? Die Schlucht ist auf beiden Seiten so steil, dass sie nur ein kleines Stück Himmel über uns frei gibt, wo immer mehr Sterne zum Vorschein kommen. Andrea erzählt von heissen Quellen und Türkischen Bädern in Ungarn – wie schön das dort im Winter sei – aber natürlich nichts im Vergleich zu unserem kleinen Privatbad nur für uns beide mitten im Dschungel! Die Nacht wird kühl und kein Mond erhellt uns die Berge. Der Gedanke jemals wieder aus dem Wasser zu steigen, in die Kälte der Nacht, bleibt mir fern. Lieber bleiben wir bis zum Sonnenaufgang da drin liegen! Obwohl meine Haut schon jetzt völlig durchweicht ist und sich langsam auflöst.

In einer Eckes des Beckens befindet sich das Rohr, wo das frische Quellwasser reinsprudelt. Als es langsam kühl wird im Wald, drängen wir uns ganz nahe an diese wärmste Stelle im Pool, lassen das heisse Nass über den Nacken rieseln und plötzlich berühren sich unsere Hände, wie zufällig. Unsere Finger verbinden und schliessen sich und lassen nicht mehr los... Nie mehr! Eine Welt bricht für mich zusammen. Wie ein schwarzes Loch. Saugt alles in sich auf. Wir sind weit weg von jeglicher Realität. Befinden uns auf einem anderen Planeten: der ist drei mal drei Meter gross und gefüllt mit dampfend heissem Wasser. Ich glaube zu träumen und kann mir gar nicht vorstellen, dass es so ein perfekter Ort zu einer so perfekten Zeit überhaupt geben kann. Wo bin ich eigentlich und was geschieht mit mir? – Mitten im Himalaya. Irgendwo in einem Tal, rund um uns nichts als die höchsten Schneeberge der Welt. Links und rechts des Flusses dicker Dschungel mit exotischen Vögeln und wilden Affen. Und Andrea und Martin mitten drin. Mitten im Leben!

Mann oh Mann, was habe ich mir da wieder für einen Kracher eingebrockt! Ist ja fast schon so kitschig romantisch wie in einem dieser billigen indischen Filme. Wir wären bestimmt die ganze Nacht da unten im Wasser liegen geblieben, hätten wir nicht schon in der Lodge unsere Lasagne fürs Nachtessen vorbestellt. Die ist bestimmt schon lange im Ofen und wir möchten ja nicht, dass die nette junge Frau da oben auf uns warten muss. Also gehen wir schweren Herzens und fröstelnd aus dem Wasser und machen uns auf den Weg durch das Dickicht. Prompt hat sie uns ihren Mann quer durch den Wald geschickt, um uns zu suchen, weil sie sich schon Sorgen machte und dachte, wir hätten keine Taschenlampe mit dabei.

Der letzte Tag auf dem Treck. Mein Kopf voller Gedanken. Hin und her gerissen. Ich wünsche mir, dass diese Reise nie, nie aufhören würde. Immer weiter gehen. Ohne Ende! Aber andererseits sehne ich mich auch ein wenig nach Pokhara und freue mich in gewisser Weise auf unsere Rückkehr in die Zivilisation. Doch was war das für ein Leben in diesen Bergen – meinen Bergen: ohne Telefon, ohne Strom, ohne Autos und ohne Lärm. Weit weg jeglicher Kommunikationstechnik oder dem Mobilitätswahn unserer Zeit – aber ich schätze beide Seiten der Medaille! Das Leben hier in den Dörfern des Himalayas sowie auch das quirlige Leben unten am See im tropischen Pokhara. Mit diesen Gedanken im Kopf geniesse ich jeden Schritt dieser letzten Etappe. Auch wenn es nochmals so richtig hart wird und immer nur rauf und runter geht. Gar nicht so wie ich mir das gemäss Karte vorgestellt habe: einfach so gemütlich geradeaus dem Fluss entlang schlendern.

Die karge und verlassene Bergregion liegt hinter uns und wir durchqueren vermehrt kleine Dörfer und Siedlungen. Menschen auf den Feldern beim Reis ernten. Mit Sicheln werden die Pflanzen geschnitten und in der Sonne zum Trocknen ausgelegt. Schliesslich wird alles zusammengebunden und auf dem Rücken werden diese grossen Bündel ins Dorf getragen. Die Äcker sind winzig und je steiler der Hang, desto kleiner die Felder. Kaum zu glauben, dass wir vor drei Tagen noch weit oben im Schnee und bei den Gletschern waren. Und jetzt leuchten die gelben Reisterrassen im warmen Nachmittagslicht.

Wir erreichen Naya Pul. Die letzten Kilometer sind nochmals so richtig grob. Der Weg besteht aus grossen, unförmigen Steinen und es ist, als ob du in einem ausgetrockneten Bachbeet gehen würdest. Naya Pul ist ein richtig übles Cowboy-Nest und hier ist es also, wo wir zum ersten Mal wieder mit der Zivilisation Nepals in Kontakt kommen. Ungläubig gehe ich durch die Strassen und frage mich immer wieder, ob ich auf dem richtigen Weg bin; ob ich mir das wirklich antun möchte? Auf das habe ich mich bestimmt nicht gefreut... oder drehen wir gleich wieder um und gehen zurück in die Berge? Für was brauche ich all die vielen Shops? All diese Waren? Es ging auch ohne! Und ab Naya Pul ist unser so geliebter, wie auch verhasster Wanderweg nun definitiv zu Ende und wird durch eine richtige Strasse abgelöst. Autos und Busse. Lärm und Gestank. Scheisse.

Aber das Leben geht weiter und so nehmen wir kurz vorm Eindunkeln den letzten Bus nach Pokhara. Die totale Klapperkiste. Völlig durchgerostet und vom ewigen Geholper dieser verlöcherten Strassen haben sich die Schrauben der Sitzbank völlig gelockert. Wenn dann so eine richtig heftige Bodenwelle reinkracht, fliegen wir durch die Luft und es katapultiert uns beide mitsamt dem Sitz zur Decke! Durch die Löcher im Blechboden kann ich sogar die Strasse unter mir sehen! Trotzdem ist es eine wunderschöne Fahrt. Der Tag geht zu Ende und die Sonne senkt sich rot glühend hinter die letzten Hügel des Himalayas. Wir fahren einer Krete entlang, durchqueren kleine Dörfer und stoppen immer mal wieder. Menschen sitzen vor ihren Hütten, machen Feuer, schwatzen und trinken Tee. Dann steht er plötzlich vor uns! Wie aus dem Nichts taucht er auf und zieht meinen Blick sofort in seinen Bann. Weit über all den andern Bergen schwebend, erhebt sich der Fish Tail aus dem Dunst der indischen Tiefebene. Mein Lieblingsberg! Dazu braucht es keine weiteren Worte – Andrea und ich sind in Gedanken verloren, die gleichen Gedanken. Der Bus rumpelt und kracht. Wie bei einem Film ziehen nochmals all die schönen Bilder, Eindrücke und Eindrücke der vergangenen 35 Tagen auf dem Treck an mir vorbei. Wie unglaublich intensiv war doch jeder einzelne Tag. Wie unglaublich intensiv dieses Leben!

In den Tropen gehen die Tage schnell zu Ende und wenige Minuten später herrscht tiefste Nacht. Mit laut aufheulendem Motor donnern wir durch die Dunkelheit... und schon wieder eine Vollbremsung! Diesmal ist ein mit Heu voll beladener Eselskarren ohne Licht auf der stockfinsteren Strasse direkt vor uns aus dem Nichts aufgetaucht. Und weiter gehts.

Nun bin ich zurück im selben Hotel, wo ich vor ziemlich genau fünf Wochen mit Sabine zu diesem einzigartigen Abenteuer aufgebrochen bin. Das «New Tourist Guest House». Als erstes hole ich mein Gepäck, das ich während meiner Abwesenheit eingelagert habe, aus dem Abstellraum. Alles ist da! Ein Gefühl wie Weihnachten, als ich die Tasche öffne, denn ich kann mich ja gar nicht mehr erinnern, was da alles drin ist! Die besten Überraschungen: frisches Rasierzeug, Ohrenstäbchen, neue gekaufte Kleider und sogar drei quicklebendige Kakerlaken!

Raus aus den alten, schmutzigen Klamotten – ich kann diese Hose nicht mehr ausstehen! Die einzige, die ich dabei hatte und fast jeden Tag trug. Jetzt aber erst eine heisse Dusche. Den ganzen Schmutz runterwaschen und dann sogleich runter ins «Romeo» zum Essen. Wie lange habe ich mich auf diesen Moment gefreut, wo ich eine richtige Speisekarte in den Händen halten kann, auf der es in meinen Augen eine unendliche grosse Auswahl an allen möglichen Leckerein gibt und nicht bloss Reis, Nudeln oder Kartoffeln. Ich fühle mich wie im Schlaraffenland und würde am liebsten gleich von jedem Gericht ein wenig kosten. Da gibts zum Beispiel Fisch an einer Lemon Sauce. Ja, Fisch – denn auf dem Treck freute ich mich ja nur schon riesig ab einer einfachen Dose Thunfisch!

Wir sitzen draussen unter den Sternen auf einer gepflegten Gartenterrasse, nicht weit vom See. Sanfte Musik berieselt uns und ich räkle mich in den bequemen Rattansesseln. Fröhliche Menschen in den Strassen und leckeres Essen auf dem Tisch. Was für ein Leben! Andrea möchte noch kurz ins Internet und zu Hause anrufen. Ich bringe das noch nicht zustande. Habe null Bock an einen Computer zu sitzen. Bringe die Finger nicht auf die Tastatur und nur schon beim Anblick dieser Bildschirme wird mir übel. Nur noch ein paar Tage möchte ich fern dieser Realitäten bleiben. Will gar nicht wissen, was da draussen in der Welt passiert und lebe einfach nur hier und jetzt.

Frühstück bei Ude. Mein Lieblingsrestaurant! Eine klitzekleine Bretterbude mit einem witzigen Inder, der Fruchtsäfte und das beste «Fruit-Curd-Honey-Breakfast» Pokahras auf der Karte hat. Du setzst dich da rein und bestellst ein Glas Fruchtsaft. Dann schnappt er sich das Obst, welches als Dekoration beim Eingang hängt und verschwindet in einem winzigen Loch hinter der Theke. Du hörst den Mixer rumpeln und nach langer, langer Wartezeit kommt er mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht wieder zum Vorschein und zaubert dir einen halben Liter puren Fruchtsaft auf den Tisch, den er aus allen möglichen tropischen Früchten zusammengemixt hat. Eine Vitaminbombe pur! Und das schmeckt!!! Auf dem Weg zu Ude gibts da auch noch diese Mini-Bäckerei mit den leckeren Schoko-Croissants. Da kann ich auch nicht dran vorbeigehen ohne zu kosten und so geniesse ich all diese Zückerchen, die wir in den Bergen nicht hatten, um so mehr. Wie lange haben wir uns doch auf diese frischen Früchte gefreut!

Am Nachmittag mieten wir uns ein kleines Ruderboot und gondeln ein wenig auf dem Pewasee herum. Auf dem Wasser ist Ruhe. Nur ein Falke, der Fische jagt und ein ganzer Schwarm weisser Reiher, die ganz tief über die Wellen segeln. Kein Strassenlärm und keine mühsamen Shop-Besitzer, die dich immer gleich reinziehen möchten und dir am liebsten alles mögliche andrehen wollen. Nur etwas stört die Beschaulichkeit: Über Pokhara braut sich ein tropisches Nachmittagsgewitter zusammen und schon fallen die ersten Tropfen. Es donnert. Mir ist nicht mehr so wohl mitten auf dem See und so steuern wir ans gegenüberliegende Ufer, wo der Wald direkt bis an den See reicht. Ich hoffe, dass jetzt nicht gleich ein monsunartiger Platzregen auf uns runterprasseln wird und natürlich haben wir auch noch die Wäsche auf der Dachterrasse des Hotels zum Trocknen aufgehängt – aber die Kinder, welche da arbeiten, bemerkten das sofort und als wir vom See zurückkommen, liegen all unsere Kleider schön zusammengefaltet auf einem Stuhl vor dem Zimmer.

Andi fragt im Restaurant unserer Lodge, ob sie uns am nächsten Morgen das Frühstück ans Bett bringen könnten? Und wir werden verwöhnt mit frischem Toast, Flakes, Scrambled Eggs und natürlich einer heissen Kanne Tee. Draussen zirpen die Zikaden, exotische Vögel schreien in den Morgen, die Nachbarshunde bellen nonstop und von irgendwo dudelt indische Musik. Die Diener, wie sich die vom Hotel angestellten Kinder selbst bezeichnen, sind schon seit fünf Uhr früh wach, schrubben das ganze Haus (und singen dabei immer fröhlich!). Nach diesem mega Frühstück machen wir uns auf zum Devi’s Fall. So wird ein magischer Ort bezeichnet, wo ein reissender Fluss einfach so durch ein enormes Loch im Erdboden verschwindet. Benannt wurde dieser «Wasserfall ins Nichts» nach der Schweizerin Devi, welche damals (1961, zur Hippiezeit) im Fluss baden ging und mit den wilden Wassern in die Tiefe gerissen wurde. Sie kam nie wieder zum Vorschein.

Wir sitzen unten am Wasser. Andrea meditiert auf einem grossen Stein sitzend, an den Ufern des rauschenden Pardi-Khola-Flusses. Neben uns riesige Bambusgräser, sanft im Wind schaukelnd. Dazwischen ein Busch voll mit pink farbenen Blüten. Rundum alles in kräftigem Grün. Die Steine sind mit Moos überwachsen und dazu das kristallklare Wasser. Schmetterlinge spielen in der Luft. Ich entdecke einen kleinen Vogel mit leuchtend rotem Bauchgefieder frei in der Luft schwebend, fast so wie ein Kolibri, und weit über mir kreisen zwei grosse Himalaya Griffons im tief blauen Himmel. Nicht weit von uns verliert sich der Fluss mit gewaltigem Rauschen und Donnern in diesem unergründlich tiefen Loch in der Erde. Wie Dampf steigt die Gischt aus der Tiefe hervor. Eine dunkle Höhle, mit Grünzeug überwuchert.

Ein steiler Weg führt auf diesen Hügel, nicht weit von Pokhara, wo oben eine riesige Stupa thront, welche nachts beleuchtet ist und die man aus der Stadt, weit über dem See schwebend, sehen kann. Mitten im Nachmittag, als die Sonne brütend heiss runterknallt, machen wir uns auf, diesen Tempel zu besuchen. Auf dem Weg treffen wir wie so oft auf eine Horde wilder Kinder, die mit uns «Resham Pi Ri Ri» (ein Volkslied) singen wollen! Wir setzen uns, blödeln rum, teilen unsere letzten Biskuits und können uns fast nicht mehr lösen.

Oben bei der Stupa eröffnet sich uns ein Wahnsinnspanorama. Weit unten der See, dahinter Baidam Lakeside, wo auch unsere Lodge steht und schliesslich die Stadt Pokhara. Rundum kleinere Hügel, die alle mit farbenfrohen Häusern betupft sind. Am Horizont schliesslich die Himalayariesen, welche zu dieser Tageszeit in Wolken gehüllt sind. Nur ab und zu guckt eine kleine, weisse Spitze raus.

Der steile Abstieg auf der andern Seite des Berges führt direkt runter zum Seeufer. Zwei Holländer offerieren uns zwar eine Überfahrt mit ihrem Ruderboot, doch als wir von einem Pfad durch den Wald hören, entscheiden wir uns für den Rückweg zu Fuss, obwohl uns die Einheimischen vor Schlangen und Leeches gewarnt haben!

Dieser Weg ist echt viel schlimmer, als ich mir vorgestellt habe. Immer wieder verlieren wir den Pfad, der oft total überwuchert ist. Scheint nicht allzu oft begangen zu werden! Oder er verzweigt sich öfters, wobei aber jeder dieser Wege in eine Sackgasse führt. Wir treffen zwar nicht auf Schlangen, dafür aber beobachten wir lange eine ganze Horde lustiger Affen, die durch die Bäume turnen. Dann sind da noch die Leeches. Ich dachte eigentlich, die seien bloss während der Regenzeit ein Problem. Aber nein! Plötzlich höre ich Andrea hinter mir, die mir zuruft, dass ihre Schuhe voll mit diesen kleinen Tieren seien! Tatsächlich kriechen diese Würmer an uns hoch und versuchen sich durch schmale Ritzen oder Löcher in die Schuhe zu zwängen, wo sie sich dann festbeissen! Und wirklich, als ich ein bisschen genauer an meine Füsse gucke, sehe ich eine ganze Menge dieser vier bis fünf Zentimeter langen Blutegel, die wie wild an mir hochkrabbeln! Sie besitzen vorne und hinten kleine Beinchen mit denen sie sich richtiggehend festhaken können und sich so stark an meinen Schuhen festklammern, dass sie auch dann nicht auf den Boden fallen, als ich durch starkes Stampfen versuche diese lästigen Viecher loszuwerden! Also muss ich sie mit einem Stück Holz oder einem Stein von mir abstreifen. Alle paar Minuten stoppen wir, kontrollieren unsere Beine und entledigen uns dieser lästigen Saugwürmer. Ich möchte gar nicht erst wissen, ob es schon einige geschafft haben, irgendwo durch die Ritzen in meinen Schuhen vorzudringen, denn wenn sie sich bei dir andocken, spritzen sie sogleich ein Serum, damit du den Biss nicht spürst. Und bei jedem zucken und kribbeln in meinen Füssen, stelle ich mir vor, was da jetzt wohl gerade abgehen könnte! Traue mich aber nicht, die Schuhe auszuziehen, um zu kontrollieren, wie viele kleine Blutsauger nun schon an meinen Beinen hängen! Dieser Moment kommt erst zu Hause im Hotel. Voller Spannung lösen wir die Schnürsenkel und stellen uns vor, was da jetzt wohl zum Vorschein kommt. Werden unsere Beine vollbehangen sein mit Würmern? Andere Reisende erzählten mir von üblen Blutlachen in den Socken, weil die vollgesogenen Leeches durchs Wandern völlig zerquetscht wurden!

Der Weg wird immer schlimmer. Wenn es denn überhaupt ein Weg ist! Denn der verliert sich immer mehr und vergabelt sich andauernd. Zudem wird es schon langsam dunkel und ich möchte mir nicht vorstellen, wie wir da ohne Taschenlampe und ohne Weg aus diesem stockfinsteren Dschungel voller Schlangen kommen werden? Aber Pokhara ist schon nahe. Ich kann schon die ersten Lichter sehen und das Gehupe der Autos hören. Es kann nicht mehr weit sein...

Genau vor dem Eindunkeln finden wir eine Brücke, die uns zurück ins Leben bringt! Zurück nach Pokhara. Ich blicke noch einmal hinter mich in den Wald, der jetzt schon bedrohlich dunkel ist. Und natürlich begegnen wir auf dem Nachhauseweg nochmals diesen beiden Holländern, die schon seit Stunden zurück sind und sich kaputtlachen, als sie unsere Geschichte über die Blutegel hören!

Wir sitzen mal wieder bei Ude, dem Inder aus Kalkutta und seinen Frucht-Mix-Drinks. Er freut sich jedes Mal riesig wenn wir kommen. Seine klaren, dunklen Augen funkeln, wenn er uns Geschichten aus seinem Leben erzählt und hat auch immer ein Lächeln im Gesicht. Eigentlich besitzt er ja ausser seiner Fruchtsaftbude nicht viel, aber trotzdem wirkt er glücklich und zufrieden mit dem wenigen was er hat und ist. Braucht sich nicht zu verstecken hinter glamourösen Klamotten oder einem dicken Wagen, wie das in unserer westlichen Gesellschaft so üblich ist. Er ist einfach sich selber, genau so wie er eben ist. Oft erzählt er so frei aus seinem Leben. Legt uns seine Seele offen. Braucht niemandem etwas vorzuspielen und ist irgendwie so rein und ehrlich im Herzen. Er lebt nicht in dieser Welt aus Schein und Äusserlichkeiten.

Ich möchte noch etwas kleines zu essen bestellen. Ude entschuldigt sich: «Just one minute!», verschwindet hinter dem Korpus und kommt mit einer Packung Räucherstäbchen zurück. Geht damit zu seinem kleinen Hausaltar, betet und steckt in aller Ruhe zuerst die Räucherstäbchen an. Bringt seine täglichen Opfergaben und zudem kriegt einer seiner Gottheiten eine farbig-glitzernde Schlaufe umgehängt. Er lässt sich Zeit und erst als mit seinem Tempel alles in Ordnung ist, kommt er zu uns zurück, um die Bestellung aufzunehmen.

Sabine ist zurück aus den Bergen und im Zimmer nebenan eingezogen. Oft sitzen wir alle einfach nur so da draussen am Tisch auf der kleinen Terrasse unserer Lodge und quatschen über all unsere Erlebnisse der letzten Tage. Ich liebe diese relaxte und völlig entspannte Atmosphäre.

Ein Tag auf dem Bike. Gleich um die Ecke, beim grossen Baum, gibts Räder zu mieten. Sind ziemliche Krisen – aber egal, solange sie nur diesen einen Tag durchhalten. Die Schaltung reagiert selbständig, Schutzbleche klappern, alles ein wenig verbogen und die Pedallager grochsen. Ich fühle mich wie an einem Sonntagmorgen im Frühling. Vor mir liegt ein ganzer Tag, der nur uns gehört. Wir sind völlig frei, keine Verpflichtungen, niemand der uns sagt, was es zu tun gibt und mit diesen Gefühlen im Bauch fahre ich mitten in diese wahnsinnig ursprüngliche Landschaft hinein. Der See, die Reisfelder, die Berge und natürlich die Menschen in den Dörfern. Ich geniesse einfach das Gefühl, mal wieder mit einem Velo durch die Gegend zu gleiten.

Die Strasse wird immer schlechter. Die Räder klappern jämmerlich. Ziemlich bald gibt es dann gar keinen Asphalt mehr und Steine, so gross wie Kokosnüsse, machen das Radeln beinahe unmöglich. Jeder Schlag geht direkt ins Rückenmark! Wir müssen nicht weit fahren, um dem Rummel von Lakeside Pokhara ein bisschen zu entfliehen. Andere Touristen sehen wir da draussen in den Dörfern keine. Dafür aber überall Kinder: schwupp – und schon wieder sitzt ein Kleiner hinten auf dem Gepäckträger und will ein paar Meter mit mir fahren! In der Nähe eines hübschen Dorfes setze ich mich in den Schatten eines Baumes und warte auf Andrea. Sogleich bin ich umringt von einer Horde kleiner Hosenscheisser. Die Mädchen fangen an Grimassen zu schneiden, die Augen zu verdrehen und rumzukreischen! Mit ihren zerzausten Haaren sehen sie aus wie kleine, wilde Hexlein. Die einen sind ganz nackt und andere tragen bloss einen einfachen, total verschmutzten Rock, den sie kurzerhand anheben können, um mitten auf die Strasse zu pinkeln! Die Mütter beobachten uns von weitem, wie wir da rumblödeln, sagen aber nichts und schütteln nur lachend den Kopf. Jetzt rufen uns all die Kids ihre Namen zu, die wir dann wiederholen sollten und schliesslich kommen auch noch die Bikes dran. Alles wird ausprobiert. Es klingelt, schaltet, kurbelt, bremst und kracht! Jeder will natürlich drauf sitzen und sogar der Kleinste, nur in einem T-Shirt bekleidet, möchte da hoch. Die andern Jungs helfen ihm und so klettert er über die Pedalen aufs Ritzel und zerrt sich dann zur Stange hoch, während die andern das Rad halten, obwohl sie selbst kaum bis zum Lenker hoch kommen. Aber irgendwie schaffen sie das ohne meine Hilfe und stolz sitzt dieser Dreikäsehoch oben auf der Stange, die Füsse baumeln in der Luft und er klammert sich am Lenker fest! Worauf die andern das Fahrrad anschieben und dann gehts die Strasse rauf und runter, bis die ganze Ladung auf dem Schotter umkracht und alle im Staub liegen. Der kleine Hosenmatz schreiend unter dem Rad begraben! Dieses Spiel geht so weiter, bis jeder einmal eine Runde auf dem Velo gedreht hat. Und wie kommen wir jetzt von diesen tobenden Balgen weg? Die wollen uns natürlich nicht mehr gehen lassen und wir müssen ihnen regelrecht davonrasen, wobei die ganze Meute schreiend hinter uns her ist!

Wir stoppen in einer winzigen Teebude inmitten der Reisfelder. Die Bauern rundum fröhlich singend in auf den Äckern. Wasserbüffel schlurfen durch die Gegend und weisse Reiher fliegen tief über den See. Die Frau im Teehaus spricht kein Englisch, aber mit Hilfe von zwei Knaben, die für uns übersetzen, können wir doch das Gewünschte bestellen. Dann dauert es eine ganze Weile bis sie das Holzfeuer in Gang gebracht hat, um Wasser für den Tee zu sieden. Dazu knabbern wir ein Pack trockene Biskuits und fragen noch nach einer Omelette. Sie zeigt uns die einzigen zwei Eier, die ihr noch bleiben und fragt, ob wir diese möchten – na klar, ab in die Pfanne damit! Die beiden Jungs geniessen es, mit uns Englisch zu sprechen und ich checke mit ihnen alle möglichen Länder und deren Hauptstädte. Bin erstaunt, wie viele sie schon kennen und was sie in der Schule so alles gelernt haben. Währendessen kümmert sich Andi liebevoll um ein Baby, das unterm Sonnenschirm auf dem Boden liegt und von Fliegen im Gesicht geplagt wird.

Schliesslich möchten wir für all das Essen bezahlen, aber niemand kann uns sagen, was das kosten würde. Also muss unsere Gastgeberin erst ihren Mann auf dem Reisfeld holen, der dann auch erstaunlich gut Englisch spricht und uns erzählt, wie er eine Zeit lang in Saudiarabien gearbeitet hat. Stolz demonstriert er seinen sprechenden Taschenrechner und ein simples Computer Game. Andi hat sich sogleich in das kleine Neugeborene verliebt und wir fragen zum Spass, ob wir es nicht gegen unsere Kamera eintauschen könnten und mit dem Fahrrad mitnehmen dürften! Aber er lacht nur und antwortet, dass dieses Baby sein ganzes Leben bedeute. Ich mag diese ehrlichen Menschen so sehr und spüre hier in den Reisfeldern bei diesen einfachen Leuten das echte Nepal, genau so wie ich es liebe.

Fünf Uhr früh. Der Wecker reisst mich aus dem Schlaf. Was ist denn jetzt wieder los? Draussen stockfinstere Nacht und ich muss erst meine Gedanken ordnen. Andi und ich wollen für den Sonnenaufgang auf den Sarangkot-Hügel, nicht weit von Pokahra. Also los! Wie ein Wunder fährt genau in diesem Moment ein Taxi vor dem Hotel vorbei, wo ja sonst nie Verkehr ist – also rein und hoch auf den Berg. Die Strasse führt nicht bis ganz bis auf den Gipfel und so lässt uns der Fahrer in einem Dorf auf halbem Weg an einer Schranke stehen. Von da weg gehts zu Fuss weiter. Bis ganz zuoberst sinds aber bestimmt noch drei Stunden und schon macht sich ein ganz feiner Streifen Morgenlicht am Horizont bemerkbar. Die Sonne ist nicht mehr weit! Sportliche Nepali joggen an uns vorbei und genau in dem Moment, wo dieser leuchtend rote Feuerball über dem Dunst des Flachlandes hochsteigt, erreichen wir eine Krete mit perfekter Rundsicht. Kurze Zeit später stoppen wir fürs Frühstück in einer Hütte, die eher ein Stall ist mit zwei, drei Tischen draussen im Garten. Eine lustige, kleine Kneipe, wo die Hühner in der Küche ein- und ausgehen. Entgegen allen Erwartungen bekommen wir aber die allerbesten Tomaten-Käse-Omeletten und die Mutti gibt sich total Mühe, sorgt sich um unser Wohl und fragt öfters, ob es auch wirklich schmeckt? Ob es das sei, was wir uns vorstellen?

Weiter zum Gipfel. Was für ein Panorama. Im Süden der See und die Terai, dann das Flachland des indischen Subkontinents; im Norden die Berge. Weil wir noch früh dran sind, zeigt sich der Himmel wolkenfrei und die frisch verschneiten Achttausender leuchten nicht weit von uns in der Morgensonne. Lange sitzen wir da oben und ich zeichne all die Gipfel in Andreas Tagebuch. Es verspricht ein heisser Sommertag im November zu werden und auf dem Weg zurück knallt die Sonne mit voller Heftigkeit runter. Ein kleiner Junge schleppt uns zu sich nach Hause, wo er uns etwas zu trinken andrehen möchte. Seiner Mutter ist das etwas peinlich, denn es gibt da bloss eine Holzkiste, wo wir uns draufsetzen können und sie ist mit einem kleinen Baby-Wasserbüffel beschäftigt, der krank ist.

Weiter unten am Weg kaufen wir zwei andern Kids eine frische Papaya ab, die sie erst noch vom Baum holen müssen! Und schliesslich erreichen wir nach einer schönen Wanderung das Ufer des Sees, wo wir uns in mein absolutes Lieblingsrestaurant setzen. Die ganze Front zum Wasser hin ist offen und wir räkeln uns lässig in bequemen Rattansesseln, weit über dem Wasser und überblicken so den ganzen See mit den angrenzenden Reisfeldern, Hügeln und Berge dahinter. Beobachten die Fischerboote, welche ruhig ihre Runden über den See ziehen. Dazu säuselt im Hintergrund meditativ-entspannende Nepali-Musik. Dieser Tag darf nie, nie zu Ende gehen!

Auf dem Rückweg werden wir beinahe von einer Stromleitung erschlagen, die ein Bus gleich neben uns runtergerissen hat. Entweder war der Bus zu hoch oder die Leitung hing zu tief. Aber das interessiert kein Mensch. Einer klettert auf den Bus, entwirrt das Kabeldurcheinander, die gerissene Leitung wird zur Seite gekickt und mit lautem Röhren donnert der Bus weiter durch den Staub.

Pokhara, morgens um sechs. Ich stehe alleine oben auf dem Dach unseres Hotels. Sonnenaufgang über dem Himalaya. Der Himmel verfärbt sich dunkelgelb. Einige Wolkenfetzen hängen über den Bergen. Und Andrea ist weg. Sie sitzt in einem Bus nach Indien. Und ich weiss genau, wie sie jetzt da zum Fenster raus guckt, den Wind in den Haaren, die goldene Sonne im Gesicht spürt und zum letzten Mal zu diesen Berggipfeln hochblickt, die wir beide doch so sehr lieben...