Indien
1. Februar 2009

Unsere ersten Tage in Delhi: mit 7 Stunden Verspätung sind wir am Flughafen angekommen, mussten zürst mal unsere Velos wieder zusammen bauen und dann hatten wir keine Ahnung, in welche Richtung das Zentrum ist. Also einfach mal losradeln und wir werden sehen - und das alles auch noch auf der linken Strassenseite.

Die Fahrt nach Paharganj, wo sich all die billigen Absteigen befinden, war schon mal ziemlich wild und wir hatten nach wenigen Kilometern auch schon unseren ersten platten Reifen. Ein 2 cm langes Glasstück hat sich einfach so mitten durch unseren "unplattbaren" Schwalbe-Reifen durchgebohrt! Mitten in einem Dreck- und Abfallhaufen, gleich neben einer bewaffneten Polizeipatroullie, die in einem schäbigen Unterstand Feuer machten und an einer brutal stark befahrenen, höllisch stinkenden und lauten Hauptverkehrsader kippten wir all unser Gepäck aus (da es ja wegen dem Flug nicht wie gewohnt eingeräumt war), suchten den Ersatzgummmi und reparierten zur allgemeinen Belustigung der Polizisten das Leck.

Wir sind nun schon ein paar Tage in Delhi und die Stadt ist ein Hammer... wir sind uns ja schon vieles gewohnt, aber das hier schlägt einfach alles. Ich habe ja schon gehofft, dass es sich in den vergangenen 12 Jahren (als ich letztes Mal in Indien war) ein bisschen gebessert hat, aber es ist immer noch genau das gleiche...

Ein brutaler Lärm rund um die Uhr, ein unglaublicher Dreck und alles voll mit Müll. Und darin leben die Menschen auf der Strasse. Sie pissen ohne Skrupel einfach so an die Mauern, kleine Kinder kacken mit dem schönsten hellbraunen Durchfall mitten auf den Gehsteig und man muss immer aufpassen, nicht in Kuhscheisse oder Hundekot reinzutreten. Zudem ist die ganze Innenstadt voll mit allen möglichen Tieren; mitten in Delhi haben sogar Elefanten gesehen oder Affen, die auf den Dächern rumturnen! Sich gegenseitig zerfleischende Hunde, räulige Katzen, abgemagerte Pferde, Karton fressende Kühe, haufenweise quitschende Ratten und Raubvögel über den Dächern der Stadt ist ja schon absolut normal.

Es ist kaum zu glauben, wie in dieser 12-Mio-Metropole Menschen leben können. Beissender Gestank, abgewechselt von süssen Düften der Rauchstäbchen; alles voll mit Schlamm und Dreck, aber auch immer wieder Blumen und wundervoll geschmückte Tempel. Der totale Gegensatz.

Indien lässt dich nie in Ruhe. Indien ist immer Vollgas. Keine Pause. Nonstop sind Menschen auf der Strasse, es herrscht ein unglaublicher Smog und die Rickshaws, Autos, Busse und Motorräder stammen tief aus dem letzten Jahrhundert. Auf der Strasse wird andauernd gehupt. Einzelne Hupen geben da nur noch ein müdes Krächzen von sich, was noch erträglich ist, aber die neuen Wagen und Trucks hauen dich vom Sockel, wenn sie neben dir so richtig aufs Horn drücken! Zudem ist hinten auf jedem Laster in schön verträumten Buchstaben "PLEASE HORN!" gepinselt.

Zum Glück gibt es aber auch immer wieder Inseln der Ruhe. Zum Beispiel waren wir im Lakshmi Narayan Tempel, mit wundervollem Park, den Bäumen voll mit Streifenhörnchen, die neugierig rauf und runter kletterten, exotischen Vögeln in den Bäumen und ein paar verträumt, romantischen indischen Liebespärchen in der Gartenanlage.

Dann ist da auch noch das "Everest Kitchen", ein Restaurant mit Dachterrasse auf dem 5. Stockwerk hoch über den Strassen von Delhi. Nicht weit von unserem Guesthouse servieren sie da leckeres Frühstück (Hash Brown Potatoes, Scrambled Eggs, Toast, Fruits and Coffee) oder den berühmten Ginger Lemon Honey Tea. Im Hintergrund säuselt sanfte indische Musik (wenn nicht gerade ein Brutalostreifen aus Bollywood am TV läuft), ein paar Pflanzen hin und her und bequeme Rattansessel, wo man stundenlang drin liegen könnte. Zudem natürlich eine umwerfende Aussicht auf das ganze Leben unter uns auf der Strasse, bevor wir uns jeweils wieder ins Getümmel stürzen.

Wir waren ziemlich mutig und haben schon in den ersten Tagen überall in der Strasse Tee gesippt (bei einem Alten, der nur so direkt auf dem Asphalt ein paar Pfannen auf dem Gaskocher hatte und den Ginger mit einfachen Steinen vom Boden platt drückte, bevor er das ganze in den Tee kippte!), frisch gepressten Fruchtsaft getrunken und alles mögliche Essen ausprobiert. Das Ergebnis war, dass wir beide ziemlich schnell flach lagen und mit unserem ersten indischen Durchfall ein paar Tage das Zimmer hüten mussten...

Unser Hotel in Delhi ist eigentlich ganz gut. Für 8 Franken pro Doppelzimmer mit heisser Dusche und sogar einem Fernseher, wo man die Sender nicht mehr umstellen kann. Nur manchmal ist es ein bisschen laut, obwohl wir weit weg von der Hauptstrasse sind. Aber ein ruhiges Zimmer in Delhi zu finden, ist vermutlich unmöglich. Da klingeln sie nachts um elf noch an der Tür, blabbern irgend etwas von "TV, TV", wollen ins Zimmer rein kommen, obwohl wir schon halb beim schlafen sind; dann am nächsten Morgen klingelt das Telefon, draussen noch absolute Dunkelheit, ob wir die zwei Touristen sind, die nach Jaipur reisen wollen?!

Ein Stockwerk über uns bauen sie gerade ein Zimmer um - nur leider nicht während des Tages sondern genau dann, wenn wir schlafen wollen. Manchmal knallt es brutal laut im Treppenhaus, Schreie wie aus einem Horrorfilm, draussen vor dem Fenster jaulen die Hunde die ganze Nacht lang und wenn der Strom ausfällt häult ein unglaublich lauter Generator auf dem Dach auf, dass man die Vibrationen durch die Zimmerwände spüren kann! Aber wenn man die Augen zu macht und von etwas schönem träumt, kann man ganz gut schlafen - zudem wir nach einem Tag in der Stadt meist fix und fertig sind und wie bewusstlos einfach nur umkippen.

Die Strassen in Delhi sind andauernd voll mit Menschen. Alle scheinen ein Ziel zu haben, alle scheinen eine Aufgabe zu haben. Ein Gewimmel wie in einem Ameisenhaufen. Es kommt immer etwas unerwartetes auf dich zu. Man geht einfach durch die Strassen und lässt sich treiben, schaut rundum, was alles passiert. Da kommt plötzlich eine Gruppe Musiker in schön farbigen Gewändern aus einer Gasse, trommeln und tanzen wie verrückt. Da kreuzen wir eine andere Gruppe, die aufgeregt eine Kreuzung überquert und mittendrin eine Leiche tragen, nur mit einem farbenfrohen Tuch und vielen Blumen bedeckt.

Eine alte Frau geht zu einer heiligen Kuh, welche mitten im Verkehr steht und etwas kaut, gibt ihr in Zeitung eingepackte Fladen zu fressen, verbeugt sich vor ihr mit zusammengehaltenen Händen und streichelt ihr über die Nase. Natürlich sollte man immer die Augen offen halten und aufpassen, wohin man tritt - so wie ich letztes Mal, als ich mit den Sandalen mit voller Kraft mitten in einen feucht-warmen Kuhfladen reingetreten und fast ausgerutscht bin! So wie all die Hunde, die unbekümmert überall kreuz und quer in den Strassen liegen und schlafen.

Im Bazaar ist non-stop ein Lärm und immer etwas los. Die Händler preisen lautstark ihre Produkte an, verkaufen alles mögliche und unmögliche, schreien, klopfen, hämmern und man kann keine fünf Minuten ruhig durch den Markt gehen, ohne dass dir jemand unbedingt eine Trommel oder Pfauenfedern verkaufen will.

Beim Frühstück treffen wir Pete, ein Irländer, der in Oesterreich lebt und Maler ist. Er hat vor ein paar Jahren sein eigenes Geschäft aufgegeben und wollte von diesem Tag an nur noch malen. Hat alles verkauft, sein ganzes Leben auf Null runter gefahren und seit dieser Zeit malt er nur Kühe! Er fühlt sich völlig frei und würde diesen Schritt sofort wieder machen. Er erzählt uns, dass er zuvor unten in der Strasse in einem Cafe war. Da kam ein Strassenköter vorbei mit einer toten Ratte zwischen den Zähnen, der Wirt nahm die Ratte mit blossen Fingern, schmiss sie weg und servierte weiterhin Kaffee! Das ist Indien! (www.pete-kilkenny.com)