Bulgarien

Jetzt haben wir schon wieder die Landkarte nicht richtig angeschaut; wir dachten, es kommt noch eine Stadt, wollten eigentlich noch eine weitere Nacht in Rumaenien verbringen, aber da steht ploetzlich schon der Grenzkontrollposten vor uns - egal, wir fahren rueber und sind schon in Bulgarien!

Die Schwarzmeerkueste ueberrascht uns mit superschoenen Straenden, feinem Sand, einsamen Buchten, aber auch ziemlich viel Tourismus, der sich aber auf ein paar wenige Orte konzentriert. Sicherlich hat der eine oder andere schon ueber Varna, Burgas, Nesebar oder Golden Sands gehoert - wir haben aber auch versteckte, kleine Perlen gefunden, wie zum Beispiel Emona, Sabla Sozopol oder Irakli, wo wir auch mal ganz alleine in einer Bucht mit Sandstrand unser Zelt aufbauen koennen, weit weg vom Moloch der touristischen Metropolen.

Nach den kuehlen, frischen Tagen in Transylvanien, ist es in Bulgarien eher die brutale Mittagshitze, die uns kaputt macht. In einem Second-Hand-Shop in Varna kaufen wir uns Langarmhemden, damit die Sonne nicht mit voller Wucht auf unsere Arme knallt (und in der Tuerkei soll es noch heisser werden!).

Entlang der bulgarischen Kueste hat ein brutaler Bauboom eingesetzt. Gewaltige Hotelbunker, luxurioese Ferienapartements und ganze Feriendoerfer werden aus dem Boden gestampft; meiner Meinung nach eine eher ungesunde Entwicklung, da die meisten Ferienwohnungen gar nie verkauft werden und einfach leer stehen. Diese kuenstlich entstandenen Doerfer wirken oft leblos und ausgestorben und es fehlt weitgehend die ganze Infrastruktur rundum.

Wer moechte schon in einer eigentlich ganz netten Wohnung seinen Urlaub verbringen, wenn rundum der ganze Muell verstreut ist und die gesamte Umgebung wegen der vielen Baustellen ziemlich ungepflegt aussieht (aber dafuer kann man sich ab 30'000 Euro ein Apartement am Meer leisten). Zudem stehen ganze Siedlungen an eher zweitklassiger Lage - weit weg vom Meer oder gar direkt an der E87-Fernstrasse.

Irgendwie scheint in Bulgarien alles ein wenig ruhiger als in Rumaenien - take it easy! Die Bulgaren sind superfreundlich, kommen oft spontan auf uns zu oder fragen uns an der Strasse, ob wir Hilfe brauchen, wenn wir mal wieder verzweifelnd ueber der Karte stehen und nicht wissen, welche Strasse zu nehmen. Zudem gibt es viel weniger streunende Hunde als in Rumaenien - sehr zur Erleichterung von Andrea! Es ist eher ein Katzen-Land!

Im Unterschied zu Deutschland, wo uns die Leute immer nach dem Ziel und den gefahrenen Kilometern gefragt haben, moechten die Menschen in Bulgarien immer zuerst wissen, wieviel wir fuer unsere Velos ausgegeben haben!

 

Hunde-Sekunden-Geschichte

Wir cruisen der Kueste entlang Richtung Varna. Die Strasse ist leicht abfallend und so koennen wir ganz schoen Tempo machen. Andrea faehrt vorne, hoert ploetzlich ein wildes Bellen neben sich und sieht nur noch ein grosser, schwarzer Schatten aus den Augenwinkeln. Ich fahre ein paar Meter hinter ihr und als ich den Dobermann im Garten einer luxurioesen Villa sehe, schiesst mal eine ganz schoene Ladung Adrenalin durch meine Blutbahnen! Andi gibt Gas und zischt weg!

Der Hund rennt auf gleicher Hoehe, mit gleicher Geschwindigkeit durch den Garten und zu meinem Schrecken ist weiter vorne das Haupttor zur Parkanlage geoeffnet! Der Dobermann hat den Kopf in meine Richtung gedreht und bellt wie verrueckt. Ich trample wie verrueckt! Dann kommt das Tor und weil er immer noch zu mir rueber guckt, knallt er mit dem Kopf mit voller Wucht gegen den Pfosten!

Das ganze dauert nur ein paar Sekunden und dann ist Ruhe, ich sehe keinen Hund mehr und hoere kein Bellen mehr... !

 

Kopf nicken

Genau umgekehrt wie in der restlichen Welt: in Bulgarien bedeutet mit dem Kopf nicken NEIN und den Kopf schuetteln JA! Ein paar Mal sind wir darauf rein gefallen oder es gab Missverstaendnisse. Wir spazieren zu einer Kneipe, fragen, ob sie noch offen ist, der Kellner schuettelt den Kopf und als wir schon wieder weiter gehen wollen, drueckt er uns schnell die Karte in die Haende!

Man soll sich echt daran gewoehnen und meist sind wir verwirrt, wenn wir irgend etwas fragen und muessen uns erst Mal ueberlegen, was sie denn nun gemeint haben - ja oder nein?

 

Nicht lustig

Natuerlich ist so eine Reise kein Zuckerschlecken und die tollen Fotos auf unserer Homepage zeigen vielfach nur die Sonnenseite unserer Weltreise. Aber es gibt fast jeden Tag auch viel Unangenehmes, Aergerliches oder sogar Gefaehrliches. Aber das gehoert auch dazu!

Das schlimmste sind die grossen Fernstrassen, die Lastwagen und Reisebusse (dicht gefolgt auf unserer Negativ-Rangliste von den wilden Hunden!). Manchmal haben wir keine andere Moeglichkeit, als so eine mehrspurige "Autobahn" zu nehmen - auch trotz Fahrradverbot. Und da rasen die Autos mit weit ueber 100 Sachen im Zentimeter-Abstand an uns vorbei - oder der Wind eines Trucks, der mit Vollgas und laut hupend, wie ein Ungetuem von hinten mit Riesenlaerm an uns vorbei donnert, schlaegt uns fast vom Sattel und wir klammern uns verzweifelt an unsererm Lenker fest.

Dazu kommen noch die Schlagloecher und ein paar Mal blieb uns nur noch die letzte Moeglichkeit - von der Strasse runter, in den Dreck ausweichen und einen Notstopp hinzulegen! Normalerweise fahren die Camions einen schoenen, weiten bogen um uns herum, aber wenn dann auf der gegenueberliegenden Strassenseite auch noch ein Laster entgegen kommt, dann ziehen die Radler immer den Kuerzeren.

Wenn dann mal Ruhe ist von hinten, dann ueberholen sicher die uns entgegen kommenden Autos einander und rasen mit Full Speed auf beiden Spuren auf uns zu. Mit einem Auge kontrolliere ich also non-stop im Rueckspiegel den Verkehr von hinten und lasse zugleich nie die Autos gegenueber aus den Augen (und die Schlagloecher nicht vergessen!).

Wenn wir eine Stunde so gefahren sind, mit den Nerven fix und fertig, ein paar Adrenalinstoesse und viel Dieselabgas eingeatmet haben - das ist nicht lustig!

Ein anderes Thema sind die toten Tiere am Strassenrand - das ist was fuer starke Nerven. Frisch ueberfahrene Hunde und Katzen, aufgeplatzt, die Gedaerme fein saeberlich auf dem Asphalt verteilt, eine Blutlache um den Kopf herum (und den bestialischen Gestank brauche ich jetzt nicht auch noch zu beschreiben). Niemand wuerde die Kadaver wegraeumen. Alle fahren einen grossen Bogen drumherum und wenn es nicht reicht, dann halt nochmals darueber, bis schlussendlich nur noch ein platt gewalztes Stueck Fell uebrig bleibt.

 

Camping

Eigentlich gehoert das auch noch ins Kapitel "Nicht lustig". Campingplaetze in Rumaenien und Bulgarien sind of laut und ohne Privatsphaere. An einem schoenen Sommerwochenende kann es ganz schoen eng werden. Da stroemen Horden von Camping-Verrueckten an den Strand. Parzelleneinteilung ist ein Fremdwort, jeder stellt sein Zelt einfach da hin, wo es noch Platz hat und natuerlich muss auch immer das Auto direkt neben das Zelt geparkt werden. Einmal fuhr uns ein Rumaene gar ueber unserer Haeringe, so nahe parkte er seinen Golf neben uns, dass er auch nicht mehr aussteigen konnte.

Andere fahren mit ihren Ladas und Dacias gar ueber die Buesche der Gartenanlage, damit sie keinen Meter zu Fuss gehen muessen! Dann werden die Fenster runter gekurbelt, die Tueren geoeffnet und die HiFi-Anlage voll aufgepowert, bis die Batterie auf der Schnauze ist. Oder man nimmt gleich den Verstaerker und die Boxen von zu Hause mit.

Es gibt keine Ruhestunden und die Party geht mit voller Kraft die ganze Nacht hindurch. Und weil das noch nicht genug ist, dreht morgens um 7 der Opa im Zelt gegenueber zum Fruehstueck seine ABBA-CD voll auf. Keine Ruecksicht. Aber es scheint auch niemanden zu stoeren. Nie hat jemand reklamiert (auch nicht die patroulierenden Securitas), wenn nachts um 2 die Balkan-Techno-Musik keine Spur leiser gestellt wird.

Jeden Abend wird der Gratar eingeheizt. Meist handelt es sich dabei um einen selbst geschweissten Grill aus einer alten Autofelge. Dann wird so richtig eingefeuert, dass nur so die Funken fliegen und ein beissender Qualm den ganzen Campingplatz bedeckt, da ja auch gleich noch aller moegliche Abfall verfeuert wird. Natuerlich bauen sie diesen Gratar immer schoen weit weg von ihrem eigenen Camp auf, aber dass diese Rauchmaschine genau neben unserem Zelt steht, ist scheissegal!

Andere graben kurzerhand ein richtig grosses Loch in den Boden, wo sie bequem die ganze Kuehltruhe reinstellen koennen!

Die Toiletten auf den Campingplaetzen sind ein Thema fuer sich - meist nicht sehr schoen! Vielfach nur ein Loch im Boden, eine lotterige Tuer, die man nicht zuschliessen kann, oft gar ohne Spuehlung und wenn, dann soll man vorsichtig ziehen: entweder kommt nur ein duennes Rinnsal oder das Wasser spritzt mit so viel Kraft da rein, dass die ganze Sauce ueberall verteilt ist, nur nicht im Abfluss! Also weit weg stehen! Pfui...

Andrea will duschen gehen. Da steht vor ihr eine Mutti mit ihrem Kleinen, zeigt fuer ihn in die Dusche: "Da kannst du reinpinkeln!". Nachdem der Sohn sein Geschaeft in der Dusche erledigt hat, geht sie raus und wuerde nicht einmal kurz das Wasser aufdrehen (wie es in der Dusche aussieht, wenn eine Frau ihre Tage hat, beschreiben wir jetzt nicht!).

Heisses Wasser ist Gluecksache. Nach einem Tag auf dem Fahrrad ist eine heisse Dusche ein absoluter Luxus. Aber die Leute gehen damit so egoistisch und verschwenderisch um, dass es innert Kuerze nur noch kaltes hat. Einmal standen wir frisch eingeseift unter der Dusche und dann kam gar nix mehr - weder heiss noch kalt!

Wenn immer moeglich planen wir so, dass wir nicht das Weekend in einem Campingplatz verbringen muessen. Es ist auch schon vorgekommen, dass wir eigentlich gerne noch einen Tag laenger in einem Zeltplatz bleiben wollten, aber dann so schnell wie moeglich weiter geradelt sind und unser Zelt irgendwo in einer ruhigen Bucht, weit weg vom ganzen Rummel, aufgebaut haben.

Wild campen ist in Bulgarien und Rumaenien mehr oder weniger legal und oft stehen dutzende Zelte irgendwo an einem Waldrand, Seeufer oder einem Fluss. Dann wird der Wald ganz einfach zu einer Toilette umfunktioniert und der ganze Muell bleibt einfach in der Natur liegen. Aber auch das scheint niemand zu stoeren.

Nicht alle Zeltplaetze sind so schlimm, wie sich das anhoert. Wir landen auch immer wieder in richtigen Perlen, wo wir abends mit einem Feierabendbier vor dem Zelt sitzen koennen, das Meer rauschen hoeren und sogar heiss duschen koennen! Unsere Zeltnachbarn rufen uns spontan zu sich rueber, druecken uns irgend etwas Selbstgebranntes in die Hand, holen eine Gitarre aus dem Zelt und singen den ganzen Abend bulgarische Lieder.