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Rumänien Alle Taschen wieder zugeschnürt, den Pass verstaut, wir treten in die Pedalen und fahren auf einer holprigen Piste direkt in ein dunkles Waldstück rein: wir sind in Rumänien! Noch wissen wir nicht, was alles auf uns zukommen wird, sind gespannt und fahre voller Neugier ins nächste Dorf. Es ist Indien! Wir brauchen nicht bis nach Asien zu radeln - alles hier ist genau so wie in Indien! Staubige, dreckige Strassen ohne Asphalt, lärmende Kinder in den Gassen, alle möglichen Tiere spazieren kreuz und quer durchs Dorf: Hühner, Gänse, Truten, Kühe, Pferde und streunende, zerzauste Hunde. Stinkende Kloaken in den Strassengraben und überall Müll. Alte Autos knattern an uns vorbei und laut röhrende Lastwagen hüllen uns in eine dicke, schwarze Dieselwolke. Wir sind in Indien angekommen!!! Unser erster Eindruck von Rumänien - ein Land voller Gegensätze. Oft fühlen wir uns in ein Europa vor 50 Jahren zurückversetzt. Landwirtschaft mit Pferd und Wagen, armselige Hütten (mit Digitalsatellitenschüssel auf dem Dach); aber gleichzeitig überholen uns die neuesten Modelle von Super-High-Class-Geländewagen und es werden überall protzige Villen mit fantasievoller Architektur an bester Lage aus dem Boden gestampft. Jugendliche in hippen Klamotten und daneben in Lumpen gehüllte Kinder, die in der Strasse betteln. Piekfeine, brandneue Teerstrassen, wo wir mit unseren Rädern nur so durch die Landschaft fliegen - ein paar Kilometer später aber holpern wir im Schritttempo über grauenvoll ausgewaschene Schotterpisten und kurven im Slalom um die gröbsten Schlaglöcher. Per Fahrrad durch die bergigen Landschaften Transilvaniens zu cruisen ist wie ein Märchen aus dem Mittelalter. Hühner und Gänse mit ihren Kücken spazieren über die Strassen, Omis und Opas sitzen den ganzen Tag lang unter den Bäumen im Schatten der frühsommerlichen Junisonne und beobachten das Leben im Dorf - spannender als fern sehen! Die Landwirtschaft ist vorwiegend Handarbei, das Heu wird mit Gabeln auf selbst gebaute Pferdewagen verfrachtet und hoch oben auf dem Heuhaufen sitzend bringt der Kutscher alles ins Trockene. Schafhirten ziehen mit ihren Herden und Hunden durch die Gegend. Die Kühe trampeln abends alleine ins Dorf zurück und suchen sich muhend ihren Stall. Die Weiden haben keinen Zaun und oft liegt ein alter Mann mit seinem alten Hund irgendwo unter einem Baum und schaut den ganzen Tag zu den Kühen. Hund und Katz dösen friedlich nebeneinander in der Sonne (aber wir schaffen es nie, unbemerkt an diesen Kötern vorbeizufahren - sie bemerken uns immer und kläffen hinter uns her)!
St.-Anna-See Wir sitzen unten am Ufer, braten 1 kg Steinpilze, die wir am Wegrand einer Frau abgekauft haben und überlegen uns, ob man hier vielleicht trotz den Verbotsschildern wild campen könnte. Wenn wir bis zum Eindunken warten und erst dann unser Zelt aufbauen, wenn niemand mehr da ist?! Der St.-Anna-See ist einer der schönsten Vulkankraterseen Europas und ist in einem wunderschönen Tannenwald eingebetet. Rundum nur Bäume - weder ein Zu- noch ein Abfluss und wird nur vom Regenwasser genährt. Wir beobachten die Ranger des Nationalparks, wie sie spät abends noch den Müll der Tagestouristen sammeln und wir warten mal ab, was passiert. Die Sonne versinkt langsam hinter dem Vulkankegel und die Luft wird kühl. Da kommt noch ein Lada-Jeep den Waldweg runter zum See und sie machen eine Runde, um überall die Abfalleimer zu leeren; dann werden sie auch hier rüber zu uns kommen! Eine Ausrede haben wir schon auf Lager und so warten wir weiterhin ab... Ein älterer Herr mit dicker Brille kommt auf uns zu und fragt, ob wir hier zelten möchten: "Camping ist im gesamten Nationalpark verboten, aber mir ist das egal. Ihr könnt machen was ihr wollt. Ihr werdet dann aber eine Busse bezahlen und mit 100% Sicherheit kommt in der Nacht auch ein Bär. Es leben 15 Bären in diesem relativ kleinen Gebiet und einer von diesen macht sicherlich jeden Abend eine Runde um den See, um noch etwas Abfall aufzustöbern. Darum leeren wir auch jeden Abend die Mülleimer." Viel mehr braucht er uns nicht zu sagen und auch ohne die Busse zu erwähnen, zischen wir so schnell wie möglich weg von hier, damit wir es bis zur Einbruch der Dunkelheit noch durch den Wald in den nächsten Campingplatz schaffen! Andi sitzt noch lange vor dem Zelt, um vielleicht doch noch ein Bär in freier Wildbahn zu sehen, aber ausser den funkelnden Sternen entdecken wir nichts - jedoch ist am nächsten Morgen der ganze Abfall rund um den Eimer in der Nähe des Zeltplatzes verstreut...
Herr Kadar und die Räuberbanden Die Sonne neigt sich langsam dem Horizont, wir sind müde und haben schon einige Kilometer in den Beinen; stehen oben auf einem kleinen Pass und überlegen uns, ob man hier vielleicht wild zelten könnte - superschöne Aussicht über die weite, hügelige Landschaft Rumäniens inklusive. Da kommt ein alter Mann mit Heugabel auf der Schulter und zwei Hunden den Berg runter. Wir begrüssen ihn und kommen sofort ins Gespräch. Er erzählt uns über seine Trauben und seinen kleinen Weinkeller, nicht weit von hier und da könnten wir auch campen. Perfekt! Wir folgen ihm und schieben und zerren unsere schweren Packesel über eine völlig ausgewaschene Piste durch den Wald. Immer wieder kommen wir an kleinen Hütten vorbei und freundlich winken uns die Alten, auf dem Feld arbeitenden, zu. Beinahe jede Familie aus dem Dorf besitzt da oben ein Stück Land mit Reben und einen Weinkeller. Endlich sind wir da und Herr Kadar zeigt uns seinen kleinen Keller, die Fässer, die Presse und ein winziges Zimmer, wo bloss ein Bett mit schmutzigen Lumpen drin ist, wo wir ein Glas vom selbst gekeltertem kosten. Er erzählt uns über sein Leben, seine Kinder, die alle in der Stadt arbeiten und sich nicht mehr um Landwirtschaft kümmern wollen. Er besitzt noch eine Kuh, die jeden Tag mit einem Dorfzigeuner und all den anderen Tieren auf die Weide geht und abends selber wieder zurück nach Hause kommt. Seine Frau ist an einer Krankheit verstorben. "Ich habe sie überall hingebracht. In die Stadt, in die Krankenhäuser - aber nichts hat geholfen. Sie war wie eine Rose - so schön wie eine Rose..." Eine Träne kullert über seine Wangen. Dann aber nimmt er wieder sein Glas in die Hand, lacht und stösst mit uns an: "Was für ein Glück, dass Gott euch zwei genau zu dieser Stunde bei mir vorbei geschickt hat!". Herr Kadar ist ein einfacher Mann, der mit wenig zufrieden ist. Er lebt von seinen Tieren, ist Selbstversorger und braucht sonst nichts von der Welt, damit er lachen kann. Er zeigt uns weiter seine Trauben, die Kirschen und wo wir schlafen könnten - dann muss er runter ins Dorf, weil seine Kuh da unten schon schreit! Wir verabschieden uns, machen dann aber noch eine Runde - vielleicht finden wir ja noch einen besseren Zeltplatz mit Aussicht über das Tal. Wir schieben die Bikes weiter und fragen einen anderen Weinbauer. "Kein Problem, hier könnt ihr überall zelten!". Er bringt uns ins Nachbarhaus, welches einen ganz schön gepflegten Garten hat, sogar ein flaches Stück Rasen und Aussicht. "Ich nehme die volle Verantwortung, dieser Nachbar ist ein guter Freund von mir und hier könnt ihr problemlos campen". Wir haben trotz allem ein bisschen ein komisches Gefühl, aber egal - bauen wir das Zelt auf und geniessen den lauen Sommerabend. So gegen 23 Uhr hören wir plötzlich einen Wagen durch den Wald und er kommt tatsächlich zu uns! Wer um alles in der Welt kann das sein!? Hat uns noch jemand gesehen? Doch dann steigt Sandor, der Weinbauer aus und am Steuer sitzt der Bürgermeister: "Es ist keine gute Idee hier oben in der Nacht zu zelten. Kein Mensch aus dem Dorf würde hier schlafen. Zigeuner und Räberbanden treiben sich in dieser Gegend oft durch den Wald und letzte Woche haben sie den Jäger aus dem Dorf überfallen. Sie brechen immer wieder in die Weinkeller ein, klauen da alles mögliche und deswegen lassen die Leute nichts Wertvolles hier oben". Er schlägt uns einen anderen Platz unten am See vor, der 100% sicher sei - aber bis wir hier oben auf dem Berg das ganze Zelt zusammengeräumt haben, wäre es schon lange Mitternacht und so entscheiden wir uns trotzdem zu bleiben. Der Bürgermeister will um 3 Uhr nachts noch die Polizei vorbeischicken, damit sicher nichts passiert - er kann sonst keine Verantwortung für uns übernehmen. Und das Beste: der Weinbauer Sandor, der ansonsten auch immer wieder für den Bürgermeister arbeitet, soll auf der Terrasse des Nachbarhauses übernachten und uns bewachen! In dieser Nacht mache ich fast kein Auge zu, erschrecke über jedes Rascheln aus dem nahen Wald und höre nur Sandor, wie er im Nachbarhaus schnarcht...
270 km und eine Bergwanderung Wir zelten auf einer Alpwiese irgendwo in den Karpaten. 4 Rumänen aus Sibiu, die auch wild campen, laden uns ein, sie auf der morgigen Wanderung zu begleiten. 7 Stunden hoch und runter, spektakuläre Aussicht, Alpwiesen und Blumen wie in der Schweiz, wir treffen auf Schafhirten mit ihren Herden (und Hunden!), klettern durch steile Felsen und kommen schliesslich am Abend ziemlich kaputt zurück zum Zelt. Wir schaffen es noch knapp, unser Nachtessen zu wärmen und dann blitzt und donnert es schon über uns. Wir verkriechen uns ins Zelt und hoffen, dass der Sturm nicht all unsere Stangen brechen wird. Der Orkan ist so heftig, dass unser Zelt bei jedem starken Windstoss so richtig auf den Boden gedrückt wird und der Stoff beinahe in Fetzen zerreisst! Ein paar Zelte neben uns kollabieren, liegen flach auf dem Boden und die Leute übernachten in ihren Autos. Unser Exped-Orion hält zwar dicht, aber wir machen die ganze Nacht kein Auge zu. Martin geht immer mal wieder raus, um ein bisschen nachzuspannen und zu den Velos zu gucken. Am nächsten Morgen ist es kalt, nass und alle räumen das Feld. Wir fahren früh los, denn wir möchten runter von den Bergen und so schnell wie möglich ans Schwarze Meer. Also ist für heute eine Monsteretappe geplant! Da wir, wenn immer möglich, versuchen die kleinen Nebenstrassen zu nehmen, verfahren wir uns auch immer wieder und müssen auch ab und zu ein paar zusätzliche (nicht eingeplante) Hügel in Kauf nehmen; landen immer wieder auf Kiesstrassen in üblem Zustand, welche auf der Karte eigentlich ganz gut ausgesehen haben... Und so verlieren wir natürlich viel Zeit. Wir trampeln den ganzen Tag in grosser Hitze und nach 140 km stehen wir an einer Kreuzung, es ist schon stockfinster und wir sollten noch 10 km bis in die Stadt oder 12 km in die Pampas zu einem Camping. Wir entscheiden uns für die Stadt und versuchen kurz vor Mitternacht noch ein Hotel zu finden. Keine Chance: also kommt Plan B zum Zug! Wir warten im Garten eines 24-h-McDonalds bis um 5 Uhr früh und beim ersten Sonnenstrahl setzen wir unsere Fahrt fort. Nach 30 km ist ein weiterer Campingplatz auf unserer Karte eingezeichnet und da werden wir dann den ganzen Tag im Schatten eines Baumes liegen und schlafen! Nach 2 Nächten ohne Schlaf sind wir ziemlich erschöpft, aber voller Hoffnung radeln wir los. Der Morgen ist noch kühl, aber so gegen 10 Uhr wirds langsam richtig heiss und wir suchen unseren Camping, fragen die Menschen an der Strasse und alle schicken uns irgendwo in eine andere Richtung. Ein paar Mal verfahren wir uns auf üblen Schotterpisten und nach einer weiteren Stunde geben wir auf. Zu Causescus Zeiten gab es hier wohl mal einen Zeltplatz, aber es existieren nur noch Ruinen... In einer Kneipe schicken sie uns 10 km weiter in eine kleine Stadt: da gibt es ein Motel - also nichts wie hin! Oder nehmen wir den Zug bis nach Braila??? Dieses Hotel sieht ziemlich übel aus und die Stadt ist etwas vom schlimmsten, was wir in Rumänien bis jetzt gesehen haben. Staub, Dreck, Hitze, Industrie, Lärm, Lastwagen und komische Leute... also weiter! Wir kämpfen uns Kilometer um Kilometer durch die Hitze der Tiefebene und müssen immer mal wieder stoppen, um ein Stück Traubenzucker zu nehmen, damit wir nicht vom Radl kippen. Mir ist echt schon schwindlig und ich bin tatsächlich während dem Fahren beim Einschlafen! Nach total 270 km und zwei Nächten ohne Schlaf finden wir endlich ein Campingplatz an einem kleinen Salzsee und kippen nur noch in unsere Schlafsäcke rein.
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