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Weltreise mit dem Fahrrad Die erste Kurve, nach 500 Metern - es ist schon spät am Abend, dunkel, und da stehen wir also mit unsern Fahrrädern, gucken uns fragend an und zweifeln ernsthaft an unserem Vorhaben! So werden wir es nie bis nach Indien schaffen! Diese Velos schwanken und wanken unter unserem Sattel, dass es kaum möglich ist, geradeaus zu fahren! Haben wir doch zu viel Gepäck darauf gebunden? Sollten wir vielleicht die Vorderräder noch mehr entlasten, damit das ganze nicht mehr so hin-und-her eiert? Und sicher war es nicht die beste Idee, ohne vorher auch nur einmal eine Proberunde zu drehen, per Rad nach Asien zu fahren... Also, entweder drehen wir wieder um und schlafen noch eine weitere Nacht bei den Eltern oder wir bauen unser Zelt unten am Greifensee auf und schauen morgen weiter... Nach einem kurzen Spaziergang dem See entlang stehen wir also wieder zu Hause vor der Tür... Die Gäste der Start-Party sind (zum Glück!) schon verschwunden und wir erzählen der Mutti, dass wir nur nochmals zurück gekommen sind, um mit Aufräumen zu helfen! Am nächsten Morgen ist dann der zweite Start geplant. 19. April 2008 - wir haben nochmals alle Taschen ausgekippt, jeden einzelnen Gegenstand nochmals in die Finger genommen und überlegt, ob wir das wirklich alles brauchen oder nicht. Und so sind dann doch ein paar Kilos zu Hause geblieben, wir haben mehr Gewicht nach hinten verlagert, damit das Bike einfacher zu lenken ist, und sind dann schliesslich an einem sonnigen Frühlingstag doch noch Richtung Asien gestartet!
Der Donauradweg Ein absoluter Traum für alle Tourenfahrerer. Superschön ausgebaute Radwege, tolle Infrastruktur, alles beschildert, immer wieder nette Kneipen, Restaurants oder einladende Cafes entlang des Weges und natürlich traumhafte Landschaften. Wir geniessen das Radeln entlang der Donau in vollen Zügen und werden später in Usbekistan oder Kirgisistan noch lange von so einem Radweg träumen – ohne Schlaglöcher, ohne Schwerverkehr, ohne wilde Hunde und ohne dauernd den Weg zu suchen. Nette Menschen am Strassenrand, Kinder die uns zuwinken; und wenn wir mal irgendwo stehen und die Karte studieren, stoppt sofort irgend jemand, um uns weiter zu helfen. Die Leute kommen ganz anders auf uns zu, wenn man per Tourenrad und mit viel Gepäck unterwegs ist. Immer wieder werden wir gefragt, wohin die Reise geht und woher wir kommen. Und wenn wir jeweils sagen, dass wir per Velo nach Indien radeln, kippen sie fast um vor Lachen! Wir können das ja selber auch fast nicht glauben – noch ist das alles wie ein Traum und noch so weit weg! Diese Begegnungen geben uns auch immer wieder Kraft, weiter in die Pedalen zu treten, denn manchmal kommen natürlich auch Zweifel auf, ob das echt das Richtige ist, was wir hier machen. Der Donauradweg ist für uns genau das richtige, um uns in den ersten Wochen an den Rhythmus der Reise zu gewöhnen. Hier brauchen wir uns noch nicht auf den Verkehr zu konzentrieren und können uns voll und ganz unseren schweren Tourenbikes widmen. Für Martin ist es ja schliesslich das erste Mal, dass er mit so einem schweren Gefährt unterwegs ist – da er sonst immer nur mit einem 8 kg leichten Rennrad durch die Gegend rast. Unsere Velos sind wie schwere Sattelschlepper im Vergleich zu einem Sportflitzer. Richtig bewusst wurde mir das ganze Gewicht erst, als ich mit etwa 50 Sachen einen Hügel runter brauste und dann fast nicht bremsen konnte! Beim Rennrad kann ich einmal zügig in die Bremsen greifen und dann steht das Teil still! Aber jetzt - mit ca. 130 kg Gesamtgewicht - braucht das schon einen Moment, bis der ganze Cruiser zum stehen kommt. Der Donau entlang durch viele idyllische Dörfer zu radeln ist echt der volle Genuss. Es ist für uns so, als ob die Nachspeise vor dem Hauptgang serviert wird! Wir fahren vorbei an vielen hübschen Einfamielienhäusern mit piekfein gepflegten Gärten und voller Blumen, Kinder spielen an der Strasse, die Menschen besprechen das Leben, grüssen uns oder winken uns zu (jemand hat uns auch gesegnet). Wir treffen viele hilfsbereite Leute, die voller Begeisterung für unser Vorhaben sind. Sogar die Hunde und Katzen leben friedlich zusammen und wir können uns nicht vorstellen, dass es in so einem Dorf auch einmal Streit geben könnte. Wir beobachten alte Fraün, die täglich zu Fuss dem Waldrand entlang gehen, um die Blumen bei einem Jesus-Kreuz unten an der Donau zu pflegen.
Reiserhythmus Manchmal ist es fast schon so wie ein Arbeitsalltag: morgens früh aufstehen, aus dem Zelt kriechen, ein paar Yoga-Uebungen (gegen die eingerosteten Gelenke vom harten Zeltboden), Kaffee kochen, frühstücken und dann räumen - alles wieder zurück in die Taschen stopfen, das Zelt trocknen und abbauen, die Fahrräder bereit machen, Karte studieren und dann losradeln. Wir benötigen sicher jeden Morgen zwei bis drei Stunden, bis wir das alles erledigt haben. Unterwegs irgendwo Essen einkaufen; wenn es möglich ist, noch kurz die Wäsche machen, damit wir am nächsten Morgen wieder frische Socken haben (die dann tagsüber auf dem Gepäckträger im Fahrtwind trocknen) und nach einem ganzen Tag fahrraden abends wiederum einen geeigneten Schlafplatz suchen, um erneut unser Lager aufzubauen, Nachtessen zu kochen, die Töpfe im Donauwasser auswaschen, unseren ganzen Kram wieder aus den Packtaschen zerren, die Liegematten aufblasen, das Zelt gemütlich einrichten, bis wir schliesslich fix und fertig umkippen und in den kuschelig warmen Schlafsack kriechen, um von endlosen Radwegen zu träumen... Und da bleibt dann kaum noch Zeit, um Tagebuch zu schreiben oder gar noch ein paar Seiten zu lesen – die Bücher, die wir mitschleppen, sind bis anhin nur zusätzlicher Balast! Deswegen beschränkt sich dieser erste Reisebericht auch nur auf ein paar wenige Eindrücke und Episoden aus unserem alltäglichen Reiseleben. Wir könnten natürlich ausführlich über jede Barockkirche oder all die malerischen Dörfer und mittelalterlichen Städte am Strassenrand berichten – aber ich glaube, die spannenden Geschichten folgen dann später, je weiter wir Richtung Osten trampeln. Ein anderes Thema sind unsere Gepäcktaschen. Ich bin mich an einen Rucksack gewöhnt, den ich abends auskippe und dann alles an einem Haufen finde. Jetzt sind alle meine Sachen in 6 verschiedenen Taschen verstaut. Und ein normaler, nicht so gut organisierter Mensch (ohne Probepacken vor der Abreise) braucht etwa 4 bis 5 Wochen, bis er weiss, was in welche Tasche zu stopfen und vor allem wo wieder zu finden. Am Grenzübergang nach Rumänien leerte ich eine Tasche nach der anderen, bis ich schliesslich - wie immer in solchen Fällen! - in der letzten meinen Pass gefunden habe. Wir versuchten auch ein paar Tricks, wie zum Beispiel mit einem Filzer auf die Taschen zu schreiben, was da darin ist. Wir arbeiten natürlich auch immer noch an unserer Packtechnik und stopfen immer mal wieder das eine oder andere mal hinten, mal vorne rein, um zu sehen, ob das Gewicht so besser verteilt ist. Zudem braucht man von Land zu Land das eine oder andere nicht mehr - so habe ich beispielsweise meine warmen Handschuhe, die ich im April in Deutschland noch so heiss geliebt habe, ganz unten irgendwo reingequetscht und beim ersten Kälteeinbruch in den rumänischen Karpaten habe ich natürlich keine Ahnung mehr, wo die jetzt sind!
Kelheim Nach einem langen Tag auf dem Radel und etwa 80 km in den Beinen, suchen wir einen Platz zum schlafen. Entweder gehen wir irgendwo in eine Pension oder noch weiter über den nächsten, kleinen Hügel und suchen uns irgendwo einen Platz zum wild zelten. Langsam wird es schon dunkel und ein paar Regenwolken haben sich über uns zusammengezogen. Das wird schon gut gehen - und so radeln wir weiter. Doch dann fallen auch schon die ersten Tropfen und wir finden nicht einen Flecken Gras, wo wir unser Zelt aufbauen könnten. Der Regen wird immer stärker und inzwischen ist es auch stockdunkel, bis wir schliesslich in Kelheim ankommen. Wir parkieren unsere Bikes erst einmal bei einem Discounter unter dem Vordach und besprechen die Lage. Eigentlich würden wir gerne in einer kleinen Pension übernachten, aber langsam ist es zu spät, um noch sowas zu finden. Zelten können wir auch vergessen, da wir mitten in einer Stadt sind und rundum nur Industrie ist. Im Stadtzentrum gäbe es noch ein Viersternehotel, was wir uns aber bloss für diese paar Stunden Schlaf nicht leisten wollen (wir sparen uns dieses Geld und werden uns dann dafür einmal in Indien eine Nacht in einem luxuriösen Palast leisten!). Es pisst immer noch in Strömen, wir frieren und verkriechen uns neben den Einkaufswagen, wo wir vor dem kalten Wind geschützt sind. Schliesslich haben wir keine bessere Idee, als unsere Schlafsäcke neben den Einkaufswagen, im Trockenen auszurollen und bei Netto-Discount zu übernachten. Immer wieder werden wir von Autos aufgeweckt, welche direkt vor uns parkieren, uns aber vermutlich nicht bemerken, da wir unsere Fahrräder zum Sicht- und Windschutz noch vor unseren Schlafplatz gestellt haben. Aber warum kommen so viele mitten in der Nacht hierher? Immer wieder steigt jemand aus, macht eine Runde und dann fahren sie wieder weiter. Erst am nächsten Morgen bemerken wir, dass gleich nebenan eine riesige Disco ist, die aber momentan geschlossen ist. Und da es Sonntag ist, freuen wir uns, dass nicht auch noch irgendwer zum Einkaufen gekommen ist - ausser eine Tante, die unbedingt Zigaretten brauchte!
Langsamkeit des Reisens Das Fahrrad ist das perfekte Mittel für unserer Reise. So können wir die Distanzen im wahrsten Sinne des Wortes fühlen! Wir haben genügend Zeit, um die Landschaft rund um uns aufzunehmen, die Blüten am Wegrand schon von weitem zu riechen, den Wind und die Sonne zu spüren und natürlich jederzeit anzuhalten, wenn wir etwas Interessantes sehen. Das geht sogar soweit, dass ich auch schon mal gestoppt habe, um eine Weinbergschnecke, welche über die Strasse kriechen wollte, auf die andere Seite zurück ins rettende Gras zu bringen. Eine Blume am Strassenrand zu fotografieren oder mit einer zutraulichen Katze zu schmusen, die irgendwo vor einem Gartenzaun sitzt. Oft geht das aber immer noch zu schnell: wir fliegen regelrecht durch die vielen Dörfer, deren Namen wir nicht kennen oder sogleich wieder vergessen - die Steigerung dieser Reise wäre also nur noch zu Fuss den ganzen Trip zu machen!
Kummulierte Langsamkeit Nach den ersten paar Tagen fragen wir uns, warum wir nicht schneller voran kommen. An manchen Tagen schaffen wir bloss lächerliche 30 km und wenn wir einen Blick auf die Europakarte werfen, kriegen wir schon mal einen kleinen Schock, dass wir nicht schneller verwärts kommen. Das ist eine Ergebnis aus unseren beiden Langsamkeiten: Andi hat auf ihren früheren Veloreisen immer relativ lange geschlafen, bis die Sonne das Zelt in eine Sauna verwandelt hatte, dann sofort einpacken und losradeln. Sie ging meist nicht in die grossen Städte rein und hat tagsüber kaum Pausen gemacht; so ist sie immer schnell voran gekommen und hat locker mal 100 km pro Tag hingelegt. Martin steht eher früh auf und geniesst dann aber das volle Programm mit Früstück, Speck mit Eiern zu brutzeln, Kaffee zu kochen und gemütlich essen. Das braucht natürlich Zeit, bis dann auch wieder alle Töpfe und Tassen sauber sind und alles am richtigen Ort verstaut ist. Auch will er noch kurz in jede kleine Stadt reinfahren, um ein Foto zu knipsen oder gar noch mit vollem Genuss in einem hübschen Altstadtcafe einen Cappucchino zu schlürfen. Und abends nicht wie Andrea bis zum Eindunkeln zu fahren, sondern lieber schon um 18 Uhr irgendwo ankommen, Nachtessen kochen, den Abend geniessen, noch ein Bierchen zwitschern und das Zelt gemütlich für die Nacht vorbereiten. So haben wir beide anfangs der Reise unser "Time-Management" nicht geschafft! Die Zeit verging wie im Flug und wir sind einfach nicht weiter gekommen... Bis wir uns beide an die jeweiligen Rhythmen des Reisens gewöhnt haben. Und jetzt schaffen wir auch mal locker 100 km an einem Tag. |